Den Menschen zuliebe

Wir engagieren uns für Wissenschaft, Bildung, Kultur und Soziales auf vielfältige Weise: Wir organisieren Vortragsreihen, vergeben Preise, unterstützen Menschen in Ehrenämtern und fördern unsere sieben Tochterinstitute. Gemeinsam gestalten wir ein lebenswertes und zukunftsfähiges Frankfurt. 2016 feiern wir unser 200-jähriges Jubiläum – Anlass, über unsere Werte zu sprechen: Im ersten Halbjahr unserer Vortragsreihe heißt es „In der Tradition der Aufklärung“. Ab Mitte des Jahres blicken wir in die Zukunft: Was erwartet uns in Forschung, Wirtschaft, Digitalisierung und Bildung? Erstklassige Referenten werden Sie zum „Leben 4.0“ inspirieren und Impulse zur Zukunft Europas, zur liberalen Gesellschaft, zu digitalen Geschäftsmodellen und zu neuesten Entwicklungen der Pflanzenbiotechnologie geben.



Wissenschaft trifft Bürgersinn:
Die Ergebnisse moderner Forschungsind für alle nützlich.

Der international renommierte Wissenschaftler Enrico Schleiff ist Professor für molekulare Zellbiologie an der Universität Frankfurt und forscht an der Struktur, Biosynthese und Funktion von DNA und RNA.
Als Molekularbiologe befasst sich Professor Enrico Schleiff mit Genforschung. Sein Engagement für die Polytechnische Gesellschaft erklärt er mit der Notwendigkeit, die Zivilgesellschaft über den aktuellen Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse zu informieren. Den direkten Kontakt braucht es besonders in dieser Zeit, die zunehmend durch Ideologien und wirtschaftliche Interessen geprägt ist.

Herr Professor Schleiff, Sie haben sich am Anfang Ihrer Laufbahn als Wissenschaftler mit Physik befasst und sind dann Biologe
geworden. Wie passiert so etwas?
Ich habe im Verlauf meines Studiums einfach sehr viel Glück gehabt. Damit will ich sagen: Mir standen von Anfang an immer große Freiräume offen, die ich für meine Forschungen nutzen durfte und konnte. Also habe ich michmit den Dingen beschäftigt, die mich richtig begeisterten. So bin ich dann von der Analyse kleinster Teilchen – der Neutrinos – letztlich zur Biologie gekommen. Seit ich mich mit diesem Thema befasse, hat mich die Komplexität biologischer Systeme fasziniert. Und das tut sie auch heute noch.

Wäre eine wissenschaftliche Karriere wie die Ihre heute überhaupt noch möglich? Das Bologna-System mit seinen Bachelor- und Masterstudiengängen ist ja so ungefähr das
Gegenteil von akademischer Freiheit.
So wissensintensiv und komplex, wie sich die Wissenschaften heute darstellen, müssen die Studierenden zunächst einmal überhaupt in die Lage versetzt werden, wissenschaftlich zu arbeiten. Das ist der Sinn und Zweck des Bologna-Systems: Vorbereitung im BachelorStudium, Forschung und wissenschaftliches Arbeiten im Master-Studium. Und diesen Zweck erfüllt es ungeachtet aller Mängel recht gut. Und ja, ich denke, eine wissenschaftliche Karriere wie die meine wäre auch heute möglich, auch wenn sie sicher anders verlaufen würde.

Sie sind ja nicht nur ein erfolgreicher Biologie-Professor, sondern auch Vizepräsident der Frankfurter Uni. Und Sie sind zudem ein Mitglied der Polytechnischen Gesellschaft.
Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal?
Sie können mir glauben, dass ich intensiv über mein zusätzliches Engagement nachgedacht habe. Natürlich haben für mich Forschung und Lehre Priorität. Man muss sich
aber auch mit den aktuellen Rahmenbedingungen von Wissenschaft und Hochschulentwicklung befassen. Das betrifft beispielsweise die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Ich bin ja selbst erst vor einigen Jahren Professor geworden und kenne die Probleme vor und während des Einstiegs in eine Professur aus eigener Erfahrung. Das fängt mit den Unsicherheiten bei der Finanzierung von Projekten an und hört mit der eigenen Karriereplanung noch längst nicht auf. Wie schaffen wir es, den wissenschaftlichen Nachwuchs adäquat zu fördern, die Universität gleichzeitig offen zu halten und die Freiräume zu gewinnen, die eine gute Forschung einfach braucht? Das treibt mich um!

Und welche Funktion übernimmt die Polytechnische Gesellschaft in diesem Zusammenhang?
Grundsätzlich denke ich, dass der direkte Austausch zwischen Wissenschaft und Bürgern für beide Seiten von hohem Nutzen ist. Die Wissenschaft muss und will sich erklären – das ist heute wichtiger denn je. Und die Bürger müssen die Möglichkeit erhalten, sich mit den Ergebnissen der Wissenschaften auseinanderzusetzen – denn sie betreffen ihr Leben und die Zukunft unserer Gesellschaft in wachsendem Maße. Die Gründer der Polytechnischen Gesellschaft haben das schon vor 200 Jahren gewusst und sich bewusst dafür engagiert. Die öffentliche Vortragsreihe mit namhaften Wissenschaftlern gibt es, solange es die Gesellschaft gibt. Das ist eine gute und sinnvolle Tradition, die meiner Ansicht nach in den letzten Jahren an Aktualität noch gewonnen hat.

Sind solche Vorträge nicht ein recht altmodisches Format?
Das sehe ich nicht so. Der direkte und unmittelbare Austausch hat doch gerade seinen Charme in Zeiten, in denen die Menschen zunehmend virtuell kommunizieren. Man sollte natürlich darüber nachdenken, ob auch andere Formate die Vortragsreihe bereichern könnten und ob es noch bessere Möglichkeiten gibt, die Vorträge online anzubieten. Entscheidend ist für mich aber etwas anderes: Wie kann man die besten Wissenschaftler für diese Vorträge gewinnen, und wie kann man den direkten Austausch beflügeln? Wissenschaft, wie ich sie sehe und verstehe, ist auf Plattformen angewiesen, die eine offene und freie Kommunikation mit Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen – jenseits von irgendwelchen Ideologien oder rein wirtschaftlichen Interessen. Die Frankfurter Polytechniker leisten in dieser Hinsicht Pionierarbeit.
Und die ist es wert, unterstützt zu werden.

Das Interview führte Dr. Mike Schwarz.

Zur Vortragsreihe der Polytechnischen Gesellschaft.

Von den kleinsten Teilchen zum großen Ganzen: Professor Enrico Schleiff ist Vizepräsident der Goethe-Universität, Direktor des Buchmann Instituts, Professor für Molekulare Zellbiologie und überzeugter Polytechniker.

Deutscher Stifterpreis 2016 geht an die Polytechnische Gesellschaft

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