Die Polytechnische Gesellschaft und ihre Tochterinstitute im Nationalsozialismus

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten brachen schwere Zeiten für die Polytechnische Gesellschaft und ihre Tochterinstitute an. Auf die Verabschiedung der „Nürnberger Gesetze“ und des „Reichsbürgergesetzes“ von 1935 folgte eine zwangsweise Satzungsänderung der Gesellschaft. Mit ihr wurde der Kreis der Mitglieder massiv beschränkt, da nur noch deutsche Reichsbürgerinnen und -bürger der Gesellschaft angehören durften und Jüdinnen und Juden fortan ausgeschlossen waren. Das Vereinsleben kam nach der Gleichschaltung fast vollständig zum Erliegen, das Plenum der Polytechnischen Gesellschaft tagte bis 1945 nur dreimal, Geschäftsberichte gibt es für die Jahre 1936 bis 1942 nicht.

Aufgrund ihrer positiven Bilanzen weckte die Frankfurter Sparkasse besonders die Begehrlichkeiten des neuen Regimes. Bereits 1934 nahmen die Nationalsozialisten massiven Einfluss auf das Bankhaus, als Gauleiter Jakob Sprenger und SS-Obersturmbannführer Wilhelm Avieny den Direktor der Sparkasse, Fritz Hetzer, seines Amtes enthoben und den Direktorenposten dem überzeugten NS-Parteigänger Friedrich Jacob Seelig übertrugen. 1935 gehörten dem siebenköpfigen Vorstand mindestens fünf linientreue Mitglieder der NSDAP an. Ähnlich erging es der Muttergesellschaft, allerdings versuchte der bis 1936 im Amt verbliebene Präsident, Richard Wachsmuth, den Vorstand mit Andersdenkenden wie dem Stadtrat Bruno Müller zu besetzen. Zwar war auch dieser aufgrund seines Beamtenstatus Mitglied der NSDAP, zählte aber nicht zu den linientreusten Parteimitgliedern.

Auch der Mitteldeutsche Kunstgewerbe-Verein, ein Tochterinstitut der Polytechnischen Gesellschaft, geriet zunehmend unter Druck und schloss aufgrund des sogenannten „Arierparagraphen“ vom 7. April 1933 bald jüdische Mitglieder aus. Viele prominente Vereinsmitglieder, so zum Beispiel Robert von Hirsch, legten freiwillig ihre Ämter nieder und traten aus dem Verein aus. Der Vorsitzende des Vorstands dagegen, Bankier Max von Grunelius, bis 1933 Mitglied der Deutschen Volkspartei, trat der NSDAP bei. Damit wollte er den Verein schützen. Er behielt seine tolerante Haltung bei und sorgte mit dafür, dass der Vereinsvorstand nie vollständig von überzeugten Nationalsozialisten übernommen wurde.

Die Nationalsozialisten versuchten, die gesamte Kulturlandschaft der Stadt zu kontrollieren. Im September 1933 richteten sie den „Kampfbund für deutsche Kultur“ und die Reichskulturkammer ein, die die Kulturschaffenden durch die Eingliederung sämtlicher Verbände und Vereine beaufsichtigte und sie verpflichtete, ihre Arbeit im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie fortzuführen. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass der Kunstgewerbe-Verein die eigenen Statuten nie auf das sogenannte Führerprinzip umstellte und ebenfalls keinen „Arierparagraphen“ einfügte.

Diverse Tochterinstitute der Polytechnischen, wie die Wöhler-Stiftung, löste die NSDAP auf, um sich ihr Vermögen anzueignen. Wieder andere, wie die Blindenanstalt, funktionierte sie zu wehrwirtschaftlichen Betrieben um. Diese Einflussnahme spiegeln auch die Neugründungen der Polytechnischen im Dritten Reich wider. So wurden 1935 das Institut für Muskelflug und 1937 das Institut für Bienenkunde ins Leben gerufen. Diese Gründungen können als Versuch der inhaltlichen Neuausrichtung der Polytechnischen gewertet werden, die verhindern sollte, in die NS-Volkswohlfahrt eingegliedert zu werden.

Nach 1945 stand die Polytechnische Gesellschaft vor der Aufgabe, sämtliche Überreste des Nationalsozialismus zu beseitigen. Der Ausschluss der jüdischen Mitglieder einerseits und die Entnazifizierung andererseits hatten dazu beigetragen, dass die Mitgliederzahlen massiv geschrumpft waren. Nun galt es, neue Mitglieder zu werben und die eigene Arbeit und den Wiederaufbau Frankfurts in Angriff zu nehmen.

 

 

Beflaggung mit Hakenkreuzfahnen an Häusern in den Straßen Römerberg und Am Markt
Autorin: Christina Held