"Musik tröstet und kann heilen."
Ein Gespräch über die Lage der Musik in der Pandemie

 

Seit März 2020 haben kaum Musikevents stattfinden können, Opern und Konzerthäuser wurden geschlossen. Selbst wenn Open-Air-Konzerte stattfanden, war das Publikum stark begrenzt. Für freischaffende Musikerinnen und Musiker ist diese Situation katastrophal. Die beiden Polytechnikerinnen Viviane Goergen und Astghik Beglaryan-Kazanjian kennen die Frankfurter Musikszene gut. Im Gespräch entwickeln sie Ideen, wie geholfen werden kann.

Viviane Goergen, Sie sind Konzertpianistin und Musikcoach. Sie stammen aus Luxemburg, leben heute in der Nähe von Frankfurt und engagieren sich in der klassischen Musikszene der Stadt. Worin besteht dieses Engagement genau?

Goergen: Ich bin freischaffende Pianistin. Ich habe in meiner Karriere viele Solokonzerte gegeben und zehn Jahre lang Cello-Klavier-Duo gespielt. 1994 habe ich ein Zentrum für Musik und Konstruktives Denken in Rödermark eröffnet und ein mentales Training speziell für Musiker entwickelt. In meine Beratung kamen Orchestersolisten, Hochschulstudenten oder Hochbegabte von weit und breit. 2007 begleitete ich zum ersten Mal einen jungen, sehr begabten Pianisten. Ich habe Konzerte für ihn organisiert und ihn bekannt zu machen versucht. Ab 2013 habe ich mich intensiv der Förderung junger Pianistinnen und Pianisten gewidmet und beispielsweise für sie Hauskonzerte und öffentliche Konzerte organisiert, so unter anderem in der Gästevilla der Goethe-Universität zusammen mit Professor Dr. Jürgen Bereiter-Hahn.

Frau Beglaryan, Sie sind Junge Polytechnikerin, ebenfalls Pianistin und angehende Musikpädagogin. Sie sind in Frankfurt geboren, studieren hier und leben in Mannheim. Welche Rolle hat die Musik in Ihrem Leben?

Beglaryan: Ich spiele seit meinem sechsten Lebensjahr Klavier, zunächst an der Musikschule Frankfurt; dann hat mich mein Studium nach Hannover geführt und anschließend nach Mannheim. Meine künstlerische Laufbahn zieht sich durch zwei Jahrzehnte mit Konzerten, Festivals, Wettbewerben im In- und Ausland und der Einspielung meiner Debüt-CD. Während meines Studiums habe ich verschiedene pädagogische Musikprojekte angestoßen, etwa im Rahmen des Stadtteilbotschafter-Programms der Stiftung Polytechnische Gesellschaft das Projekt „Junge Musiker PRO Klassik“ in der Alten Oper Frankfurt, mit dem wir Kindern und Jugendlichen die klassische Musik und die Liebe zum Musizieren nahebringen wollten.

Was ist Ihr aktuelles Projekt?

Beglaryan:  Derzeit mache ich einen Master der Musikpädagogik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Ehrenamtlich aktiv bin ich im Vorstand des Vereins Kultur-Pur e.V., bei dem ich mich an der Konzeption und Durchführung von Workshops und Seminaren beteilige. Wegen meines eigenen Migrationshintergrunds ist es mir eine Herzenzangelegenheit, das interkulturelle Verständnis innerhalb von Schulklassen zu fördern. Dazu haben wir den Verein gegründet.

Goergen: Im Augenblick übe ich das Werk einer französischen Komponistin ein. Vor zwei Jahren habe ich eine CD mit Werken von Komponistinnen eingespielt, die jeweils als erste Frauen an ihren Musikhochschulen angenommen wurden und Komposition studieren durften. Ich spiele nun eine ganze CD mit Stücken einer französischen Komponistin ein, und das ist ein ziemlich großes Werk. Ich bin gut beschäftigt.

Viviane Goergen (l.) und Astghik Beglaryan-Kazanjian (r.), hier vor der Alten Oper in Frankfurt, sind Pianistinnen und engagieren sich im Frankfurter Kulturleben. Viviane Goergen absolvierte ihre Ausbildung an den Konservatorien von Luxemburg, Nancy und Paris und blickt heute auf eine erfolgreiche internationale Karriere als Solo- und Kammermusikerin zurück. Astghik Beglaryan wurde in Frankfurt geboren und studiert nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer pianistischen Ausbildung derzeit im Fach Musikpädagogik an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. (Foto: Sebastian Schramm)

Wie beeinflussen die Pandemie und der Lockdown Ihre Arbeit?

Goergen: Die Pandemie hat meine Arbeit stark beeinflusst. Ich habe selbst Konzerte gegeben, aber vor allem habe ich Konzerte für junge Künstler organisiert. All diese Konzerte sind ausgefallen, sodass bei mir geradezu ein Kahlschlag stattgefunden hat. Jetzt sehe ich die positive Seite für mich: die Zeit, die ich sonst nicht gehabt hätte und zum Einspielen dieser CD nutze.

Mit welchen Konsequenzen ist das Ausfallen von Konzerten für freischaffende Künstler verbunden?

Goergen: Ich habe mich intensiv auf ein Konzert vorbereitet und neue Werke dafür einstudiert. Dann kam montagmorgens ein Anruf von fünf Minuten: „Es tut uns furchtbar leid. Das Konzert fällt aus“. Das ist unwahrscheinlich frustrierend. Sie sind zu hundert Prozent konzentriert, stehen vor dem Auftritt, und plötzlich ist nichts mehr da. Ich brauchte zwei, drei Tage, bis ich mich wieder gefangen hatte. Für junge Künstler ist es noch viel schlimmer. Es sind junge Menschen, die ihre Karriere aufbauen müssen. Bei ihnen zählt jeder Tag. In der Musik können Sie nicht einfach für ein Jahr pausieren. Das ist katastrophal. Einige Musiker versuchen, auf berufsnahe Felder wie Management, Therapie oder Pädagogik umzusteigen. Einige können das noch während ihres Studiums organisieren. Aber es ist so, dass sie heute im Discounter auf einen Musiker stoßen können, der internationale Wettbewerbe gewonnen hat und nun die Kisten von A nach B schiebt. Eine Sopranistin mit einer wunderbaren Stimme sagte mir: „Ich kann doch nicht den ganzen Tag auf einem Stuhl sitzen“. Sie hat Bewerbungen als Kassiererin an Supermärkte und als Postbotin an die Post geschickt. Wenn sie in eine solche Bewerbung schreibt, dass sie „Sängerin“ ist, bekommt sie nicht einmal eine Antwort.

Frau Beglaryan, Sie sind noch nicht komplett auf Konzertaufträge angewiesen, Sie sind an der Hochschule und machen Ihren Master. Wie sehen Sie das?

Beglaryan: Ich hatte vor kurzem ein für mich sehr wichtiges Konzert, das abgesagt worden wäre, hätten wir nicht nach langem Hin und Her die Möglichkeit gefunden, das Konzert digital stattfinden zu lassen. Solche Kompromisslösungen sind mit viel Aufwand und tatkräftiger Unterstützung von Kolleginnen und Sponsoren möglich. Das ist aber nicht immer der Fall. Auch ich habe in meinem Bekanntenkreis viele, die keine kurzfristigen Möglichkeiten der Digitalisierung oder Vergütung hatten. Es tut sehr weh, so etwas mitzuerleben.

Astghik Beglaryan veröffentlichte ihre Debüt-CD im Jahr 2014. Sie interpretiert darin u.a. Werke ihres Großvaters Manvel Beglaryan sowie die Toccata von Aram Khatchaturian. Die neueste CD von Viviane Goergen erschien 2019 unter dem Titel "Pianistische Miniaturen von Komponistinnen". Sie enthält Werke u.a. von Mel Bonis, Germaine Tailleferre und Alicia Terzian. (Foto: Sebastian Schramm)

Sie können sozusagen im Schutzraum der Hochschule bleiben?

Beglaryan: Ja, wobei ich durch pädagogische Projekte, die stark interdisziplinär ausgerichtet sind und über die klassisch musikalischen Sphären hinausgehen – durch Kooperationen mit Schulen, Kindertagesstätten, Hochschulen, Museen, Kulturvereinen, Stiftungen und städtischen Dezernaten – eine gewisse Flexibilität habe. Dafür bin ich gerade in dieser Krisensituation sehr dankbar. Ich versuche, so viele Kommilitoninnen und Kommilitonen wie möglich in die Projekte miteinzubeziehen. Wir arbeiten daran, dass sich junge, sehr begabte Menschen im künstlerischen und musikalischen Bereich nicht umorientieren müssen.

Die Pandemie bringt viele Menschen und Berufsgruppen in Bedrängnis. Über Musiker wird nicht viel gesprochen. Das ist zumindest mein Eindruck. Da stellt sich die Frage, wie viel die Musik unserer Gesellschaft wert ist. Worin besteht die gesellschaftliche Relevanz von Musik?

Goergen: Musik ist die Sprache, die jeder Mensch dieser Welt versteht, und jeder mag Musik. Junge Menschen tragen Kopfhörer, hören sich von morgens bis abends Musik an; in den Geschäften und überall sonst läuft Musik. Es ist sogar so, dass das wirtschaftliche Volumen der Musikbranche das des Maschinenbaus übersteigt. Trotzdem wird sie momentan als irrelevant behandelt. Wir sind in einem Land der Denker, der Dichter, der Musiker. Man fragt sich, wo das geblieben ist.

Beglaryan: Ich gebe Viviane Goergen recht darin, dass die Musik ein allgemeiner Bestandteil unseres Lebens ist und eben kein Luxusgut. Sie ist ein elementarer Bestandteil unserer Gesellschaft und unseres Alltags. Die Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst Angela Dorn hat kürzlich bei einer Pressekonferenz Musik bzw. Kultur als „Reflexion der Welt“ bezeichnet. Das ist eine sehr schöne Formulierung.

Goergen: Musik hat noch andere Funktionen: Sie gelangt am Verstand vorbei direkt zu den Gefühlen der Menschen und kann ihnen so unwahrscheinlich helfen. Sie bringt Freude, Glück, sie tröstet und kann sogar heilen. Wir legen immer großen Wert auf das rein mentale, abstrakte Denken. Die Musik aber aktiviert das ganze Gehirn. In einer Welt, in der man über eine gewisse Verrohung in den zwischenmenschlichen Beziehungen erstaunt ist, müsste die klassische Musik an erster Stelle stehen, denn sie bringt die Menschen zusammen. In der Musik lernen Kinder aufeinander zu hören und miteinander umzugehen. Wir können unsere Konzentration gerade in der Beschäftigung mit klassischer Musik enorm stärken. Kindern mit Gedächtnisproblemen wird beispielsweise empfohlen, ein Instrument zu erlernen. Heute, gerade in dieser Krise, ist die klassische Musik wichtiger denn je, damit die Menschen zusammenkommen.

Die Pandemie und ihre Folgen für freischaffende Musiker treiben die beiden Polytechnikerinnen um. Musikerinnen und Musiker mit einer Anstellung bei einem staatlichen Orchester oder einer öffentlichen Rundfunkanstalt leiden unter dem Verbot öffentlicher Konzerte. Doch für Freischaffende bricht vielfach auch eine wesentliche Einnahmequelle weg. Viele sind gezwungen, Hilfsjobs anzunehmen oder Sozialhilfen zu beantragen. Beim Podcastgespräch der Polytechnischen Gesellschaft sprechen die beiden über Möglichkeiten, junge Musiker in dieser Situation zu unterstützen. (Foto: Sebastian Schramm)

Wie verdient ein freischaffender Künstler sein Geld?

Beglaryan: Das ist situationsabhängig: vom Auftrag, vom Auftragsgeber und von der Größe des Projekts. Ich kann aus eigener Erfahrung und der Erfahrung Bekannter sagen, dass man davon leben kann, wenn man sich ein breites Netzwerk mit regelmäßigen Auftrittsmöglichkeiten aufgebaut hat. Man muss dafür arbeiten, aber es ist in jedem Fall möglich, sich in der Musik finanziell abzusichern.

Was können Musiker, die mit den Auftrittsverboten und Beschränkungen konfrontiert sind, tun, um diese Krise zu überstehen?

Beglaryan: Was ich vor allem jungen Kommilitonen und Kolleginnen raten kann, ist, die digitalen Möglichkeiten auszuloten. Ich würde zudem empfehlen, im Studierendensekretariat der eigenen Musikhochschule nachzufragen, welche Stipendien und Fördermöglichkeiten es zurzeit gibt. Man muss recherchieren und sich informieren. In der jetzigen Situation ist aber auch bürgergesellschaftliches Engagement gefragt.

Goergen: Ich möchte als erstes betonen, wie großartig sich die Kirchen verhalten haben. Als der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz erfuhr, dass Kirchen geöffnet bleiben können, hat er sofort dafür gesorgt, dass Künstler in den Kirchenräumen singen und musizieren durften. Das ist großartig. Ich kann nur allen Musikern empfehlen, sich bei den Kirchen zu melden, um auftreten zu können. Es gibt auch andere wunderbare Ideen. So hatten beispielsweise vier Musikerinnen den sehr originellen Einfall, einen Lastwagen zu mieten, einen Flügel auf die Ladefläche zu stellen und damit von Ort zu Ort zu fahren. Sie haben zum Beispiel vor Altersheimen geparkt, die Plane hochgezogen und hatten damit eine perfekte Bühne für ihren Konzertauftritt. Eine junge Cellistin hatte auch eine gute Idee: Sie hat auf einen Flyer drucken lassen: „Vermissen Sie auch Konzerte? Dann mieten Sie eine Musikerin!“ Musikliebhaber konnten die Cellistin ab 200 Euro für ein privates Hauskonzert buchen. Sie hat eine Zeitlang auch einen Pianisten und einen Geiger mitgenommen, aber als nur noch eine haushaltsfremde Person erlaubt war, ist sie auch alleine aufgetreten. Die Cellistin ist damit sehr erfolgreich. In der Krisensituation ist es für Musiker einfach wichtig, nicht in Vergessenheit zu geraten: Der Luxemburger Pianist Jean Muller hat im Beethoven-Jahr 2020 sämtliche Sonaten live auf Youtube gespielt, an 32 Sonntagen jeweils um 16 Uhr eine Sonate. Auch das eine wunderbare Idee.

Viviane Goergen (l.) unterstützt seit 2013 junge Musikerinnen und Musiker am Anfang ihrer Laufbahn durch Coaching und Beratung, aber auch durch die Organisation von Konzerten. Für Berufsanfänger im Feld der klassischen Musik sind Auftritte vor Publikum unabdingbar, um eine Reputation aufzubauen. Goergen organisiert Hauskonzerte, Konzerte im Mozartsaal der Alten Oper und - in Kooperation mit Professor Dr. Jürgen Bereiter-Hahn - in der Gästevilla der Goethe-Universität. So hat sie etwa den Pianisten Jean Muller bei seinem Debüt in Frankfurt unterstützt. (Foto: Sebastian Schramm)

Können engagierte Bürger helfen?

Goergen: Es gibt viele Privatleute, die helfen wollen. In Frankfurt haben Musikliebhaber Konzerte in Innenhöfen oder Gärten veranstaltet, und die Hausbewohner haben vom Balkon aus zugehört. Frankfurter Anwälte haben in ihren Wohngebäuden Treppenhaus-Konzerte organisiert. Die Musiker spielten auf den Treppenstufen, und alle Hausbewohner haben ihre Türen geöffnet und konnten von ihrem jeweiligen Stockwerk aus das Konzert verfolgen.

Beglaryan: Junge Künstlerinnen und Künstler brauchen vor allem Auftrittsmöglichkeiten. Sie benötigen Auftritte, wenigstens in digitalen Veranstaltungen. Sie brauchen Sponsoring oder Stipendien. Eine Möglichkeit ist, die Aufnahme einer Demo-CD finanziell zu unterstützen. Letztendlich geht es darum, sich zu etablieren, und so etwas dauert. Eine Karriere entsteht nicht von heute auf morgen, sondern innerhalb vieler Jahre oder Jahrzehnte. Daher ist jede Initiative und Hilfe, die auch Privatpersonen leisten wollen, willkommen. An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst gibt es einen Förderverein, die Gesellschaft der Freunde und Förderer der HfMDK e. V. Sie setzen sich für junge Musikerinnen und Musiker ein. Auch andere Institutionen, Fördervereine oder Stiftungen leisten finanzielle oder ideelle Unterstützung, und sie binden auch Privatpersonen mit ein.

Astghik Beglaryan (r.) ist Mitbegründerin des Frankfurter Vereins Kultur-Pur e.V. , der das Ziel verfolgt, in Kooperation mit Frankfurter Schulen und Lehrkräften den interkulturellen Austausch unter den Schülerinnen und Schülern zu fördern.
Mehr Informationen bietet die neue Website des Vereins: http://www.kultur-pur.info. (Foto: Sebastian Schramm)

Eine Demo-CD einzuspielen ist bestimmt nicht trivial.

Goergen: Ich habe das mehrmals mit jungen Künstlern mitgemacht. Ich wusste, dass sie eine Demo-CD brauchen, um von den Organisatoren großer Konzertreihen überhaupt beachtet zu werden. Als professioneller Musiker muss man sich erst einmal beweisen. Problematisch ist, dass sämtliche Kosten von den jungen Künstlern getragen werden müssen, die ja selbst kein Geld haben: Ein Pianist zum Beispiel muss einen Saal und einen Flügel mieten sowie den Tonmeister und den Klavierstimmer bezahlen. Dann kommt die Aufnahme zum Verlag, der zwar ein CD-Booklet macht. Aber auch die Kosten dafür werden dem Künstler auferlegt. Zudem muss er dem Verlag CDs abkaufen und diese dann selbst verkaufen. Das wiederum geschieht vor allem bei Konzerten. In diesem Jahr war es unmöglich, aber es ist auch sonst sehr, sehr schwer. Für eine CD-Aufnahme muss ein junger Künstler rund 15.000 Euro aufbringen.

Man stellt sich vor, dass der Künstler der erste ist, der von seinem CD-Projekt profitiert, aber in Wirklichkeit hat er nur die Ehre, bei einem renommierten Verlag zu veröffentlichen, die Kosten trägt er allein. Wenn dann Einnahmen durch Konzertauftritte wegfallen, ist Hilfe dringend nötig.

Goergen: Ja, sie ist dringend notwendig. Ich finde, dass Musiker auch eine Lobby oder Gewerkschaft brauchen, die sich für ihre Rechte einsetzt. Ich kann mir auch vorstellen, dass pensionierte Rechtanwälte, die große Musikfans sind, ein paar gute Ideen haben, wie sie Künstler rechtlich unterstützen können, damit sie nicht ausgenutzt werden.

Beglaryan: Ich denke, es ist auch wichtig, dass sich junge Künstlerinnen und Künstler aktiv darüber informieren, was es an Unterstützung gibt und auf die Institutionen und Menschen zugehen, die ihnen helfen könnten. Ich möchte die Initiative des Kammermusikvereins Frankfurt als ein konkretes Beispiel für bürgergesellschaftliches Engagement nennen: Wir arbeiten zurzeit aktiv an der Umsetzung und Bewerbung eines Digitalformats, so dass das bereits 2020 verschobene Konzert des Aavik-Streichquartetts, Gewinner des Förderpreises der Polytechnischen Gesellschaft beim Kammermusikwettbewerb 2019, nicht ausfällt und die jungen Künstlerinnen und Künstler nicht leer ausgehen. Wir zeichnen das Konzert ohne Publikum auf und veröffentlichen es auf der Website des Kammermusikvereins. So kann das Konzertprojekt letztendlich gerettet werden.

Wir erleben die Pandemie als einen gravierenden Einschnitt, ja als Umbruch. Es ist jetzt besonders wichtig, über Alternativen und kreative Ansätze nachzudenken, um die Musik in unserer Gesellschaft am Leben zu erhalten. Herzlichen Dank Ihnen beiden für dieses Gespräch.

Von Privatleuten im kleinsten Rahmen organisierte Haus- und Gartenkonzerte können ein Mittel sein, Musikerinnen und Musikern in Zeiten der Pandemie zu helfen. So können sie auf einfache Weise ein Honorar als finanzielle Vergütung verdienen. Ebenso wichtig ist aber die Möglichkeit, vor Publikum aufzutreten. (Foto: Sebastian Schramm)