Die Polytechnische Gesellschaft in Porträts

Polytechnik bedeutet "Vielfalt an Fähigkeiten". Und diese Vielfalt hat Gesichter. Lernen Sie Menschen kennen, die sich im Rahmen der Polytechnischen Gesellschaft für Frankfurt engagieren, und Menschen, die wir fördern. Sie stehen beispielhaft für unser Engagement und Wirken.

Musik tröstet und kann heilen

Die Polytechnikerinnen Viviane Goergen und Astghik Beglaryan-Kazanjian über die Folgen der Pandemie für freischaffende Musiker und über Möglichkeiten, in der Krise zu helfen.

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Sprache und Kommunikation
sind der Weg

Erhan Deniz ist Sprecher der Jungen Polytechniker. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen mit zwei Sprachen und Kulturen und darüber, wie es ist, in Frankfurt in eine Polizeikontrolle zu geraten.

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Der persönliche Kontakt ist entscheidend

Can und Kaan Kutbay sind Junge Polytechniker. Im Interview sprechen sie über ihre Erfahrungen als angehende Lehrer.

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Eine geborene Unternehmerin

„Unternehmerin sein heißt für mich: machen. Und genau das ist der Geist, den ich an den Polytechnikern so schätze. Sie engagieren sich für Frankfurt und seine Bürger. Praktisch und mit Herzblut.“ Ein Porträt der Geschäftsführerin des Frankfurter Logistikunternehmens Fermont Susanne von Verschuer

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Wissenschaft trifft Bürgersinn

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Enrico Schleiff, Professor für molekulare Zellbiologie und inzwischen Präsident der Universität Frankfurt.

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Ein eigener Klang

Der Pianist Jens Adrian Fischer spricht über die Verleihung des "Kammermusikpreises der Polytechnischen Gesellschaft" an das Gutfreund Trio

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Über Frankfurt, zum Verständnis von Traditionen und zum Thema ehrenamtliches Engagement.

Mit viel Geld tut man am besten viel Gutes. Dies dachten sich jedenfalls die rund 320 Polytechniker nach dem Verkauf ihrer Anteile an der Frankfurter Sparkasse und gründeten im Jahr 2005 ihre „Stiftung Polytechnische Gesellschaft“. Neta Chervinsky erzählt über das Geben und Nehmen in Frankfurt.

Frau Chervinsky, Sie sind in Israel geboren, Ihre Familie hat in Russland gelebt, und Sie sind in Frankfurt aufgewachsen.
Ja, für mich passt das alles sehr gut zusammen. Frankfurt ist eine international geprägte Stadt – die internationalste Stadt in Deutschland. Daher glaube ich, dass ich hier sehr gut aufgehoben bin.

Frankfurt ist international, steht aber auch für eine ganz eigene Tradition. Spielt das für Sie irgendeine Rolle?
Für mich ist das sogar sehr wichtig. Frankfurt war und ist eine Bürgerstadt, eine Handels- und Finanzmetropole. Also keine klassische deutsche Residenzstadt, die durch den Adel geprägt wurde, wie etwa München oder Berlin. Da fällt mir gerade ein: Die deutschen Kaiser wurden ja in Frankfurt gekrönt. Trotz oder vielleicht auch wegen des besonderen Status unserer Stadt.

Ist dieser historische Kontext für Ihre Generation überhaupt noch von Interesse?
Für mich persönlich ist Tradition sehr wichtig. Das hängt auch mit meiner jüdischen Familie zusammen: Wir sind sehr traditionsbewusst und pflegen unseren Zusammenhalt. Leider scheinen vielen Leuten meiner Generation Traditionen nicht besonders wichtig zu sein. Geld und Konsum stehen im Vordergrund. Langfristig hoffe ich jedoch, dass auch die Jugend Traditionen wieder suchen und pflegen wird. Denn dies hat auch mit der Suche nach den eigenen Wurzeln zu tun. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Ohne Tradition keine Identität.

Zur Tradition von Frankfurt gehört auch seit rund 200 Jahren die Polytechnische Gesellschaft. Wie sind Sie damit in Kontakt gekommen?
Ursprünglich über eine Freundin, die sich bei der Stiftung Polytechnische Gesellschaft mit einem Projekt als StadtteilBotschafterin beworben hatte. Ich hatte sie dabei unterstützt und so die Stiftung näher kennengelernt. Das war alles sehr spannend, und ich habe mich deshalb ein Jahr später selbst als StadtteilBotschafterin beworben. Zum Glück hat man mich dann auch genommen.

Was ist aus Ihrer Sicht so interessant an der Stiftung?
Was für mich ganz wichtig ist: Die Themenfelder sind breit gefächert, und es werden Menschen aus allen Schichten der Stadtgesellschaft angesprochen. Und dabei bewegt sich die Stiftung aktiv auf die Menschen zu. Ein gutes Beispiel dafür sind die Diesterweg-Stipendien, die Kinder beim Erlernen der deutschen Sprache unterstützen. Sie befassen sich eben nicht nur mit der Sprachförderung von Kindern, sondern nehmen die gesamte Familie mit. Es geht also um Bildung und Verantwortung in einem umfassenden Sinne, und das trägt zum sozialen und kulturellen Zusammenhalt einer Stadtgesellschaft bei.

Was war Ihr Projekt als StadtteilBotschafterin?
Ich komme aus einer musikalischen Familie. Klassische Musik ist mein Element. Der Titel meines Projekts war: „Voices United! Kulturkonzert. Denn Musik verbindet!“ Meine Arbeitshypothese, mit der ich die Jury und später auch die Kinder von meinem Projekt überzeugen konnte, war sehr praxisbezogen und lautete: „Jeder kann singen.“ Unser Chor hat dann in Bornheim mit den Proben begonnen, und wir haben uns ein halbes Jahr mit einer musikalisch sehr anspruchsvollen Aufgabe befasst, den Zigeunerliedern von Johannes Brahms. Trotz aller Schwierigkeiten und Widerstände war unser Chor ein großer Erfolg, und wir sind schließlich mit den Brahmsliedern im Konzertsaal des Hessischen Rundfunks aufgetreten.

Werden Sie weiterhin für die Stiftung tätig sein?
Ich habe mich auch nach meiner Zeit als StadtteilBotschafterin immer wieder in der Stiftung engagiert. So etwa auf der Wegscheide mit einem Chorworkshop, beim Europaforum, im Rahmen eines Opernprojekts und auch als Jurymitglied für neue StadtteilBotschafter. Auch im laufenden Jahr bin ich wieder aktiv, da mir der Kontakt zur Stiftung und die Unterstützung meiner Stadt sehr wichtig sind. Ich kann zwar im Moment keine großen und zeitaufwändigen Projekte ehrenamtlich leiten, da ich noch studiere und außerdem beruflich stark eingespannt bin. Die Stiftung ist jedoch inzwischen ein Stück Familie für mich geworden, und im Rahmen meiner Möglichkeiten bin ich immer dabei.

Genau. Sie haben ja auch eine Neujahrsrede für die Stiftung gehalten ...
Oh ja, darauf werde ich immer wieder angesprochen. Was ich da gesagt habe, gilt für mich nach wie vor. Ich habe der Stiftung gewünscht, dass sie sich ihren jugendlichen Elan erhalten soll. Dass sie wach bleiben und weiter wachsen soll. Weil Frankfurt und Deutschland so ein Engagement einfach brauchen. Wichtig ist dabei aber auch, dass sie sich ihre Herzlichkeit und ihre familiäre Note bewahrt. Für mich ist es diese Mischung aus frischem Wind und einer warmen Atmosphäre, aus Innovation und Tradition, die unsere Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger über alle sozialen Schichten und Generationen hinweg wirklich weiterbringt.

Zur Stiftung Polytechnische Gesellschaft

Eine junge Tradition Unterwegs in ihrer Stadt: Neta Chervinsky liebt ihr Frankfurt.


Handwerkerin aus Leidenschaft

Sie ist gelernte Konditorin. Und Chefin einer Backmanufaktur
mit 20 Beschäftigten. Und frischgebackenes Mitglied der
Polytechnischen Gesellschaft. Wie wird man das? Nach sechs
Generationen von Handwerksmeistern in der Familie schien
Regina Graffs Weg vorgezeichnet. Doch so schlüssig, wie es
im ersten Moment aussieht, ist es nicht. Ihre Eltern hatten
1998 ihren traditionsreichen Bäckereibetrieb aufgegeben.
Zu dieser Zeit besuchte Regina Gr aff noch die Schule. Nach
dem Abitur entschloss sie sich bewusst gegen ein Studium
und für einen Handwerksberuf – Konditorin. Und da sie alles,
was sie macht, gründlich macht, war die Ausbildung mit
Auslandsaufenthalten verbunden: Luxemburg, Frankreich,
also Länder mit einer großen Confiserie-Tradition und Anspruch
auf erstklassige Produktqualität. Auch heute, mehr
als zehn Jahre nach Gründung ihres eigenen Betriebs, ist ihr
Anspruch auf Frische und Qualität allgegenwärtig. Als Handwerkerin
aus Leidenschaft lehnt sie Kompromisse vehement
ab: Keine Konservierungsstoffe, keine künstlichen Zusatzstoffe,
keine vorgefertigten industriellen Zutaten. Verkauft
werden die köstlichen Petit Gateaux und Pralinen in der Confiserie
Graff in Rödelheim.
Für die Polytechnische Gesellschaft war die Förderung des
Handwerks schon immer ein wichtiges Thema und blieb es,
auch bei fortschreitender Industrialisierung. Heute ist die
wirtschaftliche Bedeutung des Handwerks unstreitig. Das hat
mit der Entwicklung moderner Technologie zu tun – in Zeiten
von Industrie 4.0 ist eine auf individuelle Kundenbedürf -
nisse zugeschnittene Fertigung auf einmal wieder aktuell.
Eine weitere Dimension dieser Entwicklung betrifft die Produktqualität
und mit ihr letztlich unsere Lebensqualität. Das
Handwerk ist heute Vorreiter eines auf Qualität und Nachhaltigkeit
bedachten Lebens. Das Engagement von Regina Graff
ist dafür ein Beleg unter vielen.

Perfektion und Qualität sind Regina Graffs Leitlinien.


Ein neuer Anfang

Mit einer seltenen Augenkrankheit konfrontierthat Angelica Battilocchi ihr Leben hinterfragtund einen Neuanfang gewagt. Unterstützt hat siedabei die „Frankfurter Stiftung für Blinde undSehbehinderte“.

„Ich wurde in Norditalien, in Parma geboren. Während meines Studiums kam ich über ein Erasmus-Stipendium nach Deutschland und entschloss mich nach dem Diplom, nach Deutschland zu ziehen. In dieser Zeit bemerkte ich zum ersten Mal, dass mein Sehvermögen nachließ. Ich hatte Probleme, im Dunkeln zu sehen, und auch bei grellem Sonnenlicht setzte mein Gesichtssinn aus. Also ging ich zum Augenarzt, wurde an die Uniklinik in Mainz überwiesen und dort  gründlich untersucht. Die Diagnose war niederschmetternd: Retinitis pigmentosa, eine genetisch bedingte Erkrankung der Netzhaut. In meiner Familie war diese Krankheit zuvor niemals aufgetreten. Gegen sie gibt es keine Therapie, und  zum Krankheitsverlauf gehört es, dass sie sich über die Jahre hinweg verschlechtert. Im Jahr 2012 kam eine weitere, seltene Augenerkrankung hinzu: ein sogenanntes Makula Foramen, ein Loch in der Makula, durch das
mein Sehvermögen weiter eingeschränkt wurde. Eine solche Erkrankung kann normalerweise behandelt werden – allerdings nicht, wenn die Netzhaut sich bereits in Auflösung befindet.

In den folgenden Jahren war ich dennoch durchgängig berufstätig: Für eine italienische Modekette, für eine italienische Bank, für eine große deutsche Bank und schließlich für eine Anwaltskanzlei. In dieser Zeit wurden meine Augen  immer schlechter, und eine meiner größten Leidenschaften, das Lesen, war plötzlich nicht mehr möglich. Ich war in Deutschland geblieben, hatte inzwischen geheiratet und stand irgendwann vor der Frage: Was mache ich? Meine  beruflichen Tätigkeiten aufgeben und mich meiner zunehmenden Sehbehinderung fügen? Eine wirklich deprimierende Perspektive! Oder dagegen ankämpfen und trotz des zunehmenden Handicaps die Herausforderung annehmen und als stark Sehbehinderte einen neuen Anfang wagen? Ich habe mich für den aktiven Weg entschieden, dabei viel Glück gehabt und umfassende Unterstützung erfahren.

Mein großes Glück im Unglück war, dass ich bei meinen Recherchen zu Hilfen für Sehbehinderte auf eine ganz besondere Einrichtung gestoßen bin: die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte. Dieses Tochterinstitut der Polytechnischen Gesellschaft fördert und unterstützt Blinde und Sehbehinderte mit einem ganzheitlichen Ansatz: Mit verschiedenen Ausbildungs- und Schulungsprogrammen sowie Musik- und Kunstangeboten hilft sie gezielt und individuell. Wie gut dasfunktioniert, konnte ich selber erleben. Zunächst haben mich blinde Lehrer im Lesen und Schreiben der Blindenschrift unterrichtet. Und zwar in der Vollschrift wie in der Kurzschrift. Letztere hat den Vorteil, dass man sehr viel schneller lesen kann und mehr Auswahl an Lesematerial verfügbar ist. Wichtig für mich war auch das Training am Computer. Die moderne IT bietet Sehbehinderten heute neue, attraktive Möglichkeiten der Information und Kommunikation, von denen man noch vor 10 Jahren nicht zu träumen wagte. Eine weitere wichtige Komponente im Angebot der Stiftung ist das Mobilitätstraining. Praktisch geht es darum, sich als Blinde selbständig in der Öffentlichkeit bewegen zu können. Das wichtigste Werkzeug hierfür ist der Langstock. Anfangs hatte ich Hemmungen, mich auf den Stock einzulassen. Ich hatte aber auch die Erfahrung gemacht, dass es ohne den Stock nicht geht.
In letzter Zeit konnte ich mich in der Stadt nicht mehr richtig bewegen, stolperte und konnte beispielsweise Treppenstufen nicht mehr erkennen. Mein Mobilitätslehrer in der Stiftung hat mir meine anfänglichen Bedenken schnell genommen und mich so trainiert, dass ich mich heute auf Straßen und Plätzen selbstsicher bewegen kann. Die Aktivitäten der Stiftung beschränken sich jedoch nicht nur auf diese für mich so wichtigen Fertigkeiten. Entscheidend ist auch, dass hier eine einmalige Aus- und Weiterbildung in Medienberufen angeboten wird. Seit 2015 werde ich zur PR-Junior-Beraterin ausgebildet – in einem dualen Ansatz, der praktische Arbeit bei meinem neuen Arbeitgeber und  Hilfestellungen aller Art durch die Stiftung kombiniert. In dieser Lebenssituation war für mich die Stiftung ein echter Glücksgriff. Sie hat mir eine neue Perspektive eröffnet und einen herausfordernden wie zukunftsweisenden beruflichen Weg eröffnet.“

Angelica Battilocchi im Garten der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte, wo sie viel Unterstützung erfahren hat.