"Kommunikation und Sprache sind der Weg."
Ein Gespräch mit Erhan Deniz

Erhan Deniz ist seit November 2020 Sprecher der Jungen Polytechniker. Er ist in Aschaffenburg geboren, in Alzenau aufgewachsen und hat dort das Spessart-Gymnasium besucht. Nach dem Studium der Biophysik an der Goethe-Universität Frankfurt promoviert er heute im Fach Experimentelle Biophysik. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen als Stipendiat, als Frankfurter und als Bürger, der mit zwei Sprachen und Kulturen aufgewachsen ist, und darüber, wie es ist, in Frankfurt in eine Polizeikontrolle zu geraten.

Erhan, du bist seit 2016 Stipendiat der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Welche konkreten Chancen und Möglichkeiten hat dir die Förderung durch die Stiftung eröffnet?
Wichtig sind vor allem die Kontakte, die man durch die Seminare bekommt. Bei den Seminaren werden Coaches eingeladen, die einen großen Erfahrungsfundus haben, selbstständig sind und ihren Job wirklich gut machen. Mit solchen Leuten kommt man sonst nicht ohne Weiteres in Berührung. In den Seminaren kommt man ins Gespräch, kann E-Mail-Adressen austauschen und zusammenarbeiten. Das sind Kontakte, die mich weitergebracht haben.

Du bist Anfang 2020 Mitglied der Polytechnischen Gesellschaft geworden. Was ist dir in der Rolle als Sprecher der Jungen Polytechniker besonders wichtig?
Auf jeden Fall möchte ich meine Bindung zur Stadt Frankfurt weiter stärken. Als Polytechniker habe ich die einzigartige Möglichkeit, mich aktiv in die Bürger- und Stadtgesellschaft einzubringen. Die Mitgliedschaft bei der Polytechnischen Gesellschaft bietet mir dafür eine sehr starke Plattform.  Und ich kann sagen: Ich bin nicht nur ein Teil dieser Stadt und wohne hier, sondern ich bin auch mit Frankfurt auf diese Art und Weise verbunden. Verbundenheit ist für mich ein ganz wichtiger Begriff, der auch Arbeit bedeutet. Das mache ich am besten, indem ich mich in den verschiedenen Programmen engagiere, die die Polytechnische Gesellschaft aufgebaut hat oder neu entwickelt. Wie eben bei den Jungen Polytechnikern. ­

Was reizt dich an Frankfurt?
Die Tatsache, dass es eine Großstadt mit Wolkenkratzern ist (lacht). Auch solche oberflächlichen Dinge machen mich stolz. Aber das ist nur das eine. Zum anderen reizt mich das Multikulturelle: Man kann in Frankfurt viele Sprachen sprechen, viele kulinarische Richtungen ausprobieren. Und ich kann hier fast so gut essen wie in der Heimat in den Sommerferien. Das weckt Verbundenheit. Wenn ich im Bahnhofsviertel zu meinem Stamm-Kebabhaus gehe und dort auf Türkisch bestellen kann, einen türkischen Schwarztee bekomme und authentisches türkisches Essen, dann werden Sinne angesprochen, die sonst nur in den Sommerferien in einem Land, das 3000 Kilometer entfernt ist, aktiviert werden. Das geschieht durch Sinneswahrnehmungen: Geruch, Geschmack, Gehör. Das bringt mich zu einem anderen Punkt, und zwar die Musik. Sie spielt für meine Verbundenheit mit Frankfurt eine enorme Rolle. Ich bin ein großer Fan von deutschem Hip-Hop, und der wird stark von der Frankfurter Szene geprägt.

Erhan Deniz ist seit November 2020 Sprecher der Jungen Polytechniker. Er promoviert an der Goethe-Universität Frankfurt im Fach Biophysik. (Foto: Jochen Kratschmer)

Deine Eltern stammen aus der Türkei und sind als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Was kannst du darüber erzählen?
Meine Eltern kommen aus einem Dorf in Zentralanatolien. Man kann das schlecht mit den Dörfern hier vergleichen. Manchmal blitzt da Moderne raus – wie Antennenmasten und Stromleitungen – aber ansonsten gibt es dort vor allem Hühner, Lämmer und Kühe. Wenn ich eine Stadt nennen müsste, die man kennt, wäre das Eskişehir. In die Stadt fahren wir für bürokratische Erledigungen und größere Einkäufe. Mein Opa mütterlicherseits kam als Gastarbeiter nach Alzenau, um bei der Firma „Wellpappe“ zu arbeiten. Er kam alleine, hat hier viele Jahre gearbeitet und konnte dann erst seine Familie nachholen. Später ist auch meine Mutter mitgekommen und hat hier die Hauptschule besucht. Meine Eltern haben in der Türkei geheiratet. Nachdem mein Vater seinen Wehrdienst in der Türkei geleistet hatte, war er auch berechtigt, nach Deutschland zu kommen, und die Familie konnte vereint werden. Von der väterlichen Seite meiner Familie ist sonst niemand nach Deutschland gekommen. Meine Großeltern sind in der Türkei geblieben und waren immer unsere erste Anlaufstelle, wenn wir in die Türkei gefahren sind. 1989 bin ich auf die Welt gekommen, und seitdem lebt der Kern der Familie immer noch in Alzenau.

Was löst der Begriff Heimat bei dir aus?
Das ist ein sehr emotionaler Begriff. Das Besondere an der türkischen Sprache ist, dass es eine emotionale Sprache ist. Es gibt eine gefühlsechte Übersetzung des Wortes „Heimat“ im Türkischen, und diese lautet „Vatan“. Wenn mich jemand fragt: „Was ist deine Heimat?“, würde ich „Frankfurt“ antworten. Wenn ich meine „Vatan“ nennen würde, wären das die Ortschaften meiner Familie in der Türkei. Das ist eine Ambivalenz, die sich in all den Jahren entwickelt hat. So etwas ist immer mit einem Konflikt verbunden, aber es ist etwas, das ich heute akzeptiere, womit ich lebe und worüber ich auch sehr glücklich bin. Es ist eine Bereicherung für mein Leben, dass ich zwei Orte habe, die ich „Heimat“ bzw. „Vatan“ nennen kann. Heimat – ohne Wenn und Aber – ist Frankfurt, ist Deutschland. Ich fühle mich an keinem anderen Ort so wohl wie in Deutschland. Aber wenn ich in meine „Vatan“ fahre, schlägt mein Herz höher: wenn ich die Menschen dort sehe, die Sprache und die Musik höre, die Orte sehe, wo meine Vorfahren gewirkt haben. Dieses Gefühl kann und möchte ich nicht unterdrücken. Es setzt mein Wesen in Schwingungen.

Welche Rolle spielen beide Sprachen für dich? 
Ich merke, dass meine Türkischkenntnisse bei weitem nicht so stark sind, wie sie früher einmal waren. Jede Fähigkeit, die nicht genutzt wird, jeder Muskel, der nicht beansprucht wird, baut sich ab. So ist das auch mit meiner eigentlichen Muttersprache, dem Türkischen. Sie spielt aber weiterhin eine große Rolle, wenn ich mit meinen Angehörigen kommuniziere oder bestimmte Gefühle ansprechen möchte – wie ich es nur in der türkischen Sprache kann – zum Beispiel in Form von Musik. Auf der anderen Seite steht das Deutsche. Ich bin sehr viel besser in Deutsch als in Türkisch. Leider kann ich viele meiner Gefühle nur noch auf Deutsch richtig zu Wort bringen. Das bringt gewisse Hürden mit sich. Es wird zunehmend schwieriger, mit meinen Eltern über emotionale oder auch fachliche Themen auf Türkisch zu reden, und ich greife immer häufiger auf deutsche Begriffe zurück. Mein aktives Türkisch geht teilweise verloren, aber ich kann alles verstehen, was meine Eltern mir sagen.

Die Forschungsarbeit von Erhan Deniz beschäftigt sich mit der Ultrakurzzeit-Laserspektroskopie. Diese Methode ermöglicht räumlich und zeitlich höchstpräzise Messungen in kleinsten Bruchteilen einer Nanosekunde. (Foto: Jochen Kratschmer)

Für deine Eltern ist es bestimmt nicht leicht zu sehen, dass du dich mit der deutschen Sprache wohler fühlst und dich damit besser ausdrücken kannst als mit der Sprache, die sie selbst als ihr emotionales „Zuhause“ erleben.
Ja, unbedingt. Das ist eine Frage, die mich viel beschäftigt: Was bedeutet eigentlich Muttersprache? Ist es die Sprache, mit der du aufgewachsen bist, oder die Sprache, in der du dich am besten ausdrücken kannst – und zwar nicht am eloquentesten, sondern gefühlsmäßig.

Mit Blick auf Fragen der Migration sind die Diskussionen in Politik und Gesellschaft oft stark auf Konfliktthemen fokussiert. Wie siehst du das: Sind solche Konfliktthemen medial aufgebauscht?
Solche Konflikte beschränken sich hauptsächlich auf religiöse Riten. Ein Beispiel ist Alkoholkonsum. In manchen türkischen Haushalten ist Alkoholkonsum normal, aber in der Region, aus der meine Vorfahren stammen, ist alles sehr konservativ, also sehr stark mit dem Islam verbunden. Das heißt: Alkoholkonsum – vor allem öffentlicher oder regelmäßiger Alkoholkonsum am Esstisch – ist tabu.

Ist das auch ein Generationenkonflikt?
Meine Generation ist die erste Generation, die sich mit der deutschen Gesellschaft mischt. Wenn du als Auswanderer nach Deutschland kommst und der deutschen Sprache nicht mächtig bist, umgibst du dich mit Menschen, die Türkisch sprechen. Dadurch entstehen Parallelgesellschaften. Die nächste Generation – also zum Beispiel meine – besucht hingegen deutsche Kindergärten und Schulen. Wir lernen dadurch die deutsche Sprache und finden deutsche Freunde. Für die erste Generation ist das alles auch mit Ängsten verbunden. Es ist aber normal, dass man Angst davor hat, dass es zu dieser Vermischung kommt. Die Eltern der ersten Generation fragen sich: In welcher Sprache, mit welchen Riten und mit welcher Kultur werden meine Kinder aufwachsen?

Der Doktorand am Institut für Biophysik erläutert einen hochkomplexen optischen Aufbau zur präzisen Steuerung von Laserstrahlen. Dank zahlreicher Spezialspiegel und Linsen lässt sich das Licht des Laserstrahls manipulieren und auf spezifische Wellenlängen einstellen. (Foto: Jochen Kratschmer)

Welche Rolle spielen Stereotypen und Vorurteile in dieser Situation, und wie kann man solche Vorstellungen durchbrechen?
Das einzige Medium, um damit umzugehen, ist die Sprache. Man muss sich erklären, sich trauen, sich mit Menschen der anderen Kultur zu beschäftigen und selbst Einblick gewähren. Das gilt auf beiden Seiten: In unserer Kultur ist das Eigenheim sehr heilig. Dort kommen nur selten fremde Menschen herein, also Menschen aus fremden Familien und anderen Kulturen. Ich denke, dass das bei vielen Familien der Fall ist. Sie haben noch nie mit Menschen anderer Kultur am Tisch gesessen, sich ausgetauscht und gemerkt, dass sie viele Meinungen miteinander teilen und dass die anderen korrekt und gesellig sind und mich, meine Kultur und meine Religion respektieren. Austausch spielt eine große Rolle genauso wie Humor.

In den letzten Monaten gab es viele Debatten über Rassismus und Polizei. Musstest du persönlich schon ausgrenzende Erfahrungen machen?
Während des Studiums bin ich zwischen Alzenau und Frankfurt gependelt. Ich habe also täglich die Grenze zwischen Hessen und Bayern überquert. In der Regionalbahn steigen an der ersten Haltestelle in Bayern häufig Polizisten ein und führen Personenkontrollen durch. Und dabei ist eines sicher: Es trifft mich. Immer werde ich herausgepickt. Der Wagon ist voller Menschen, und selbst wenn ich schlafen sollte, werde ich geweckt und kontrolliert. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und das liegt eindeutig an meinem Äußeren. Inzwischen geht mir das nicht mehr so nah, da ich daran gewöhnt bin. Auch auf der Straße wurde ich schon kontrolliert und durchsucht. Ich wurde gefragt, ob ich Deutsch spreche. Nach der Silvesternacht in Köln 2015 kam das häufig vor. Besonders abends wurde ich mit anderen Jungs herausgepickt. Ich musste mich an einer Hauswand aufstellen, und alle wurden nacheinander durchsucht. Alle, die so kontrolliert werden, entsprechen einem gewissen Phänotyp und sehen sich ähnlich.

Wie verhalten sich die Beamten?
Die Beamten haben ihre Gründe, warum sie fragen, ob man Deutsch spricht. Die meisten der kontrollierten Personen können es tatsächlich nicht und häufig auch kein Englisch. Das bedeutet: es gibt eine Kommunikationsbarriere. Sehr viel läuft auf der Ebene der Gestik ab.  Die Jungs wissen, was auf sie zukommt und machen mit. Ich kann besser mit den Beamten kommunizieren, aber meistens wird nicht viel geredet. Es ist weniger die Untersuchung, sondern das Stigma, das man abbekommt. Die unangenehmen Blicke der Passanten, die vorbeilaufen. Du musst alle Taschen ausleeren, den Geldbeutel auspacken, die Schuhe ausziehen, wirst gründlich abgetastet. Das Ganze kann schon 20 Minuten dauern.

Der Aufbau erlaubt beispielsweise die Messung von Energietransferprozessen innerhalb von Biomolekülen. Diese spielen unter anderem für die Kommunikation zwischen Proteinen in vielen biochemischen Prozessen eine große Rolle. (Foto: Jochen Kratschmer)

Bestimmt ist diese Situation für Polizeibeamte auch nicht angenehm. Kommt es vor, dass man in solchen Situationen mit Humor das Eis zum Brechen bringt?
Nein, das kommt tatsächlich nicht vor. Es ist eine Situation, in der man nichts sagen möchte. Es ist dunkel, spät, du möchtest nach Hause und wirst auf deinem Heimweg gestört. In einer solchen Situation möchtest du nicht mit den Leuten reden. Entweder du legst es darauf an und machst eine Prinzipienfrage daraus – aber dann ist der Abend für dich gelaufen – oder du lässt es über dich ergehen, und dann geht jeder seines Weges.

Was müsste man ändern? Müsste die Polizeiarbeit politisch anders gestaltet werden? Sollte es besser keine verdachtsunabhängigen Polizeikontrollen geben?
Das ist eine schwierige Frage. Die Beamten machen ihren Job und wollen sicher niemandem etwas Böses. Sie arbeiten auf der Basis bestimmter Erfahrungswerte. Ich kann mir gut vorstellen, dass bestimmte Phänotypen auffallen, wenn etwas passiert, und bei der nächsten Stichprobe werden eben diese herausgezogen. Ich habe keine Zahlen und weiß nicht, ob es so ist, aber das könnte schon der Fall sein.

Wie müsste die Polizei im konkreten Geschehen die Kontrolle angehen, um sie für Betroffene zu entspannen?
Ich würde mir wünschen, dass mir mitgeteilt wird, anhand welches Kriteriums ich herausgepickt wurde. Das würde vielleicht die Spannung rausnehmen. Kommunikation und Sprache sind wieder der Weg.

Würde es helfen, wenn Polizisten Arabisch oder Türkisch sprechen könnten?
Rational gedacht würde das absolut helfen. Andererseits würden die Kontrollierten denken: „Du bist doch eigentlich einer von uns. Du siehst aus wie einer von uns. Warum behandelst du mich so?“ Die Polizisten könnten als Verräter abgestempelt werden, die die Seite gewechselt haben.
 

Machen Kleider Leute? Erhan Deniz hat die Erfahrung gemacht, dass bestimmte Elemente der äußeren Erscheinung eine Personenkontrolle durch die Polizei auslösen können. Wenn er bestimmte Kleidungsstücke trage, beispielsweise eine Brusttasche, erhöhe dass die Wahrscheinlichkeit, von Polizisten angehalten und kontrolliert zu werden. (Fotomontage: Jochen Kratschmer)

Noch eine letzte Frage: Inwiefern bist du eigentlich typisch deutsch bzw. welchen Stereotype über die Deutschen treffen auf dich zu?
Ich mag Pünktlichkeit und bin genervt, wenn Leute unpünktlich sind. Ich mag es, wenn alles seine Ordnung hat und beispielweise Mahlzeiten zu bestimmten Uhrzeiten eingenommen werden. Ich mag einfach Rhythmen. Ich mag Einfamilienhäuser, Vorgärten mit Rasen, Familie, Kaffee und Kuchen am Sonntag. Vor allem Pflaumenkuchen. Pflaumenkuchen ist typisch deutsch!
Ich erfülle auch bestimmte türkische Stereotypen, denn ich möchte auch diese Seite nicht komplett vernachlässigen. In vielem bin ich wirklich typisch deutsch, nach außen sehe ich typisch türkisch aus. Das ist, was meine Person kurz und knapp beschreibt, und ich möchte in dieser Ambivalenz, in der Polytechnischen Gesellschaft, in Frankfurt und in Deutschland anerkannt werden. Und ich möchte weitergeben, dass man beides sein kann.

Vielen Dank, Erhan, für dieses Gespräch!

Erhan Deniz liebt seine Arbeit an der Universität. In Frankfurt fühlt er sich wohl. Die Polytechnische Gesellschaft bietet ihm eine Plattform, um sich für die Stadtgesellschaft einzusetzen. (Foto: Jochen Kratschmer)