"Täter werden immer brutaler"
| Frankfurter
Allgemeine Zeitung |
Frankfurt
|
Freitag,
09.10.2009, Nr. 234 / Seite 47 |
"Täter werden immer brutaler"
Berliner Richterin Heisig zur Jugendkriminalität
Jugendliche Kriminelle werden immer gewalttätiger. Das ist die
alarmierende Botschaft, die die Berliner Jugendrichterin Kirsten
Heisig überbringt. Sie ist eine der Initiatoren des "Neuköllner
Modells", nach dem Gerichtsverfahren spätestens drei Wochen nach der
Tat angesetzt werden sollen. Auf Einladung der Polytechnischen
Gesellschaft sprach sie zum Thema "Prävention vor Sanktion". Zwar
sinkt die Zahl der von Jugendlichen verübten Straftaten laut
polizeilichen Statistiken; im Vergleich 2009 zu 2008 betrug der
Rückgang 5,9 Prozentpunkte. Allerdings misstraut Heisig, die seit
einigen Jahren in dem als "Problembezirk" geltenden Berliner Stadtteil
Neukölln als Richterin tätig ist, solchen Aufstellungen. Die Polizei
zähle dabei jeden Täter, aber nicht jede von dieser Person begangene
Straftat. Sogenannte Intensivtäter, die in einem Jahr bis zu zehn
Straftaten begingen, verfälschen ihrer Ansicht nach die Werte.
Heisig bestätigte einen Trend, den auch Kriminologen mit Sorge
beobachten. "Mein Eindruck ist, dass Jugendliche heutzutage immer
gewalttätiger werden. Es hat sich etwas in der Intensität der Delikte
verändert", meint die 38 Jahre alte Juristin. So habe die Zahl der
brutalen Überfälle auf öffentlichen Plätzen in einem Jahr um fast zehn
Prozent zugenommen. Fälle wie der an dem Münchner S-Bahnhof sind nach
den Erfahrungen der Jugendrichterin schon lange keine Ausnahmen mehr.
Heisig zufolge handelt es sich bei den "Intensivtätern" zu 80
Prozent um Jugendliche aus Zuwandererfamilien. Sie zu integrieren,
hält Heisig für die vordringliche Aufgabe. "Gerade Muslime leben oft
sehr abgeschottet von der Gesellschaft, und die Kinder sind somit von
Anfang an schon außen vor." Deswegen funktioniere die Kooperation
zwischen Schule und Familie in den wenigsten Fällen. Die Eltern
wüssten meist nichts davon, dass ihre Kinder regelmäßig die Schule
schwänzten, oft seien sie auch nicht gewillt, etwas daran zu ändern.
Dazu komme noch, dass die Jungen schon innerhalb der Familie mit
Gewalt konfrontiert würden.
Trotz der beunruhigenden Entwicklung
sieht Heisig die Lösung nicht in der Herabsetzung der Strafmündigkeit
oder der Verschärfung der Strafen. Chancen lägen eher in einer
verstärkten Prävention. Ganztagsschulen gehören ihrer Ansicht nach zu
einem solchen Konzept. Zudem müsse die Zusammenarbeit zwischen Schulen
und Jugendämtern enger werden. Sie plädierte dafür, in besonders
schwierigen Fällen das Sorgerecht schneller zu entziehen. Den Kindern
könne damit eine "zweite Chance" gegeben werden.
alwa.
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH,
Frankfurt.