Familie als Standortfaktor"
Frankfurter Allgemeine Zeitung WIRTSCHAFT Freitag, 14.03.2008, Nr. 63 / Seite 61

"Familie als Standortfaktor"

Wissenschaftlerin: Entscheidung für Kinder erleichtern

cp. FRANKFURT. Der Fachkräftemangel wird derzeit als Argument für vieles genutzt. Dass Familienfreundlichkeit ein wichtiges Mittel zu seiner Bekämpfung sein kann, diese Ansicht vertrat Uta Meier-Gräwe, Professorin für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen bei einem Vortrag, zu dem die Polytechnische Gesellschaft zusammen mit dem Kuratorium Kulturelles Frankfurt eingeladen hatte. Meier-Gräwe sieht Familienfreundlichkeit als einen der wichtigsten weichen Standortfaktoren. Wie sie aus ihrer Heimat Gießen berichtete, mussten dort schon einige Unternehmen feststellen, dass Fachkräfte aus dem Ausland, die sie einstellen wollten, wieder absagten, weil ihnen das Angebot an Kinderbetreuung und beruflichen Möglichkeiten für ihre Partnerinnen nicht attraktiv genug erschien.

Städte müssten ein familienfreundliches Umfeld schaffen, sagte sie. Dabei gehe es nicht allein um die Kinderbetreuung. Vielmehr seien die Kommunen auch als Arbeitgeber gefragt, genauso wie beispielsweise die Universitäten. Denn es sei erschreckend, wie stark die Zahl der Familiengründungen allein bei Hochschulmitarbeitern abgenommen habe.

Das führe dazu, dass immer weniger Kinder geboren würden, die aufgrund "bildungsnaher" Herkunft das Potential hätten, zu Fach- und Führungskräften zu werden. Schon jetzt gebe es alarmierende Zahlen. So zeige eine Studie aus Bremen, dass 92,3 Prozent der im Jahr 2006 geborenen Kinder aus finanziell minderbemittelten Familien kämen. Und wie man seit den Pisa-Studien wisse, hätten diese Kinder deutlich schlechtere Chancen, höhere Bildungsabschlüsse zu erreichen. Es sei nun geboten, diese Kinder einerseits besonders zu fördern und auf der anderen Seite Akademikern die Entscheidung für Kinder leichter zu machen. Dazu gehöre neben umfassenden Förder- und Bildungsangeboten auch der Aufbau einer Infrastruktur an qualifizierten und entsprechend bezahlten familiennahen Dienstleistungen, zu denen sie auch die Pflege zählte.

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