Polytechnik bedeutet
"Vielfalt an Fähigkeiten"

Und dieser Vielfalt haben wir Gesichter gegeben. Lernen Sie sechs ganz verschiedene Personen kennen: Mitglieder der Polytechnischen Gesellschaft, Menschen, die sich für Frankfurt engagieren, und Menschen, die wir fördern. Sie stehen beispielhaft für unser Engagement und Wirken.

Eine geborene Unternehmerin

Als Geschäftsführerin des Frankfurter Logistikunternehmens Fermont und Mitglied der Polytechnischen Gesellschaft zieht Susanne von Verschuer klare Parallelen zwischen Unternehmertum und ehrenamtlichem Engagement: „Unternehmerin sein heißt für mich: machen. Und genau das ist der Geist, den ich an den Polytechnikern so schätze. Sie engagieren sich für Frankfurt und seine Bürger. Praktisch und mit Herzblut.“

Ein großer, schlichter weißer Zweckbau an der Rödelheimer Landstraße im Stadtteil Bockenheim: Das ist der Sitz des Frankfurter Traditionsunternehmens Fermont. Die Firma ist seit 1893 in Frankfurt ansässig. Fermont ist ein Logistikunternehmen, das auf Umzüge und Lagerung spezialisiert ist. Geschäftsführerin von Fermont ist Susanne von Verschuer. Wie wird man als Frau Chefin in einer klassischen Männerdomäne, bei der man spontan an kräftige Möbelpacker mit starken Oberarmen und riesige Trucks denkt? Für die Chefin ist das die natürlichste Sache der Welt. Denn schließlich ist sie Mitglied der Familie, die Fermont seit mittlerweile über 100 Jahren leitet. Schon als Kind durchstreifte sie die Büros, Lager und Garagen der Firma, und mit 12 Jahren war ihr klar: Hier will ich arbeiten. Die Tatsache, dass sie ein Mädchen war, spielte dabei keine Rolle. Ihre Mutter Sigrid Bär hatte 1984 die Geschäftsführung von Fermont übernommen, nachdem sich der Vater aus Altersgründen aus der Leitung zurückgezogen hatte. Viele Jahre hat Sigrid Bär das Unternehmen
erfolgreich geleitet, es konsequent modernisiert und damit die Vorarbeit für die Nachfolge einer ihrer Töchter geleistet. Fermont ist heute ein erfolgreiches mittelständisches Familienunternehmen – und das ist der Kontinuität des familiären Unternehmertums geschuldet. Inzwischen ist also die Tochter die Chefin. Sie kennt das Unternehmen von Kindesbeinen an und hat ihren Beruf von der Pike auf gelernt: In Hamburg, München, Toronto und New York. Susanne von Verschuer hat noch die klassische Ausbildung zur Speditionskauffrau absolviert. Heute ist die Ausbildung der Branche nicht mehr auf den reinen Transport, sondern auf logistische Themen zugeschnitten. Für Susanne von Verschuer sind die logistischen Dienstleistungen von Fermont in erster Linie People Business. Gleichgültig, ob es sich um einen Privatumzug oder einen Unternehmensumzug handelt: Der Kunde ist immer mit Veränderungen konfrontiert und befindet sich in einer emotionalen Ausnahmesituation. Der beauftragte Logistik-Dienstleister muss sich diesen unterschiedlichen Situationen gewachsen zeigen. Das Interesse an Menschen, ihren Motiven und Bedürfnissen steht für die Unternehmerin von Verschuer auch über die Firma hinaus im Zentrum des Interesses. Die Geschäftsleitung von Fermont war schon immer in den Gremien und Verbänden der Branche aktiv, und diese Tradition setzt auch die jetzige Chefin fort. Sie gehört auch dem Präsidium der Frankfurter Industrieund Handelskammer an und engagiert sich in Stiftungen. Sehr wichtig für ihr soziales und kulturelles Engagement ist die Polytechnische Gesellschaft, in der vieles zusammenkommt: der Standort Frankfurt, die Förderung von Wissenschaft, Kultur, Bildung und Sozialem. Eine pragmatische Grundhaltung, dank der von Veränderungen nicht nur geredet, sondern Neues angepackt und verwirklicht wird. Susanne von Verschuer, die in der Welt weit herumgekommen ist, liebt ihre Heimatstadt Frankfurt – eine Stadt mit einer historisch gewachsenen bürgerlichen Tradition und einer Zivilgesellschaft, die trotz aller Zersplitterung und Ungleichheiten doch immer wieder zu zeitgemäßen Formen des urbanen Zusammenlebens findet. Dabei spielt nach ihrer Auffassung die Polytechnische Gesellschaft eine entscheidende Rolle. Die Polytechniker sind werteorientiert und fördern Wissenschaft, Bildung, Kultur und Soziales in der Stadt, ohne sich dabei von politischen, religiösen oder gesellschaftlichen Unstimmigkeiten abschrecken zu lassen. Die Polytechnische Gesellschaft hört den Menschen zu und geht auf sie ein, ist dabei aber auch zupackend und pragmatisch. Aus Sicht von Susanne von Verschuer ist die Gesellschaft trotz ihres Alters von 200 Jahren erstaunlich aktuell und zeitgemäß eingestellt. Sie handelt und denkt umsichtig wie ein guter Unternehmer – was immer wieder zu ihrem Erfolg beigetragen hat.

Werteorientiert und zeitgemäß: Susanne von Verschuer ist eine Unternehmerin mit Umsicht.


Wissenschaft trifft Bürgersinn:
Die Ergebnisse moderner Forschungsind für alle nützlich.

Der international renommierte Wissenschaftler Enrico Schleiff ist Professor für molekulare Zellbiologie an der Universität Frankfurt und forscht an der Struktur, Biosynthese und Funktion von DNA und RNA.
Als Molekularbiologe befasst sich Professor Enrico Schleiff mit Genforschung. Sein Engagement für die Polytechnische Gesellschaft erklärt er mit der Notwendigkeit, die Zivilgesellschaft über den aktuellen Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse zu informieren. Den direkten Kontakt braucht es besonders in dieser Zeit, die zunehmend durch Ideologien und wirtschaftliche Interessen geprägt ist.

Herr Professor Schleiff, Sie haben sich am Anfang Ihrer Laufbahn als Wissenschaftler mit Physik befasst und sind dann Biologe
geworden. Wie passiert so etwas?
Ich habe im Verlauf meines Studiums einfach sehr viel Glück gehabt. Damit will ich sagen: Mir standen von Anfang an immer große Freiräume offen, die ich für meine Forschungen nutzen durfte und konnte. Also habe ich michmit den Dingen beschäftigt, die mich richtig begeisterten. So bin ich dann von der Analyse kleinster Teilchen – der Neutrinos – letztlich zur Biologie gekommen. Seit ich mich mit diesem Thema befasse, hat mich die Komplexität biologischer Systeme fasziniert. Und das tut sie auch heute noch.

Wäre eine wissenschaftliche Karriere wie die Ihre heute überhaupt noch möglich? Das Bologna-System mit seinen Bachelor- und Masterstudiengängen ist ja so ungefähr das
Gegenteil von akademischer Freiheit.
So wissensintensiv und komplex, wie sich die Wissenschaften heute darstellen, müssen die Studierenden zunächst einmal überhaupt in die Lage versetzt werden, wissenschaftlich zu arbeiten. Das ist der Sinn und Zweck des Bologna-Systems: Vorbereitung im BachelorStudium, Forschung und wissenschaftliches Arbeiten im Master-Studium. Und diesen Zweck erfüllt es ungeachtet aller Mängel recht gut. Und ja, ich denke, eine wissenschaftliche Karriere wie die meine wäre auch heute möglich, auch wenn sie sicher anders verlaufen würde.

Sie sind ja nicht nur ein erfolgreicher Biologie-Professor, sondern auch Vizepräsident der Frankfurter Uni. Und Sie sind zudem ein Mitglied der Polytechnischen Gesellschaft.
Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal?
Sie können mir glauben, dass ich intensiv über mein zusätzliches Engagement nachgedacht habe. Natürlich haben für mich Forschung und Lehre Priorität. Man muss sich
aber auch mit den aktuellen Rahmenbedingungen von Wissenschaft und Hochschulentwicklung befassen. Das betrifft beispielsweise die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Ich bin ja selbst erst vor einigen Jahren Professor geworden und kenne die Probleme vor und während des Einstiegs in eine Professur aus eigener Erfahrung. Das fängt mit den Unsicherheiten bei der Finanzierung von Projekten an und hört mit der eigenen Karriereplanung noch längst nicht auf. Wie schaffen wir es, den wissenschaftlichen Nachwuchs adäquat zu fördern, die Universität gleichzeitig offen zu halten und die Freiräume zu gewinnen, die eine gute Forschung einfach braucht? Das treibt mich um!

Und welche Funktion übernimmt die Polytechnische Gesellschaft in diesem Zusammenhang?
Grundsätzlich denke ich, dass der direkte Austausch zwischen Wissenschaft und Bürgern für beide Seiten von hohem Nutzen ist. Die Wissenschaft muss und will sich erklären – das ist heute wichtiger denn je. Und die Bürger müssen die Möglichkeit erhalten, sich mit den Ergebnissen der Wissenschaften auseinanderzusetzen – denn sie betreffen ihr Leben und die Zukunft unserer Gesellschaft in wachsendem Maße. Die Gründer der Polytechnischen Gesellschaft haben das schon vor 200 Jahren gewusst und sich bewusst dafür engagiert. Die öffentliche Vortragsreihe mit namhaften Wissenschaftlern gibt es, solange es die Gesellschaft gibt. Das ist eine gute und sinnvolle Tradition, die meiner Ansicht nach in den letzten Jahren an Aktualität noch gewonnen hat.

Sind solche Vorträge nicht ein recht altmodisches Format?
Das sehe ich nicht so. Der direkte und unmittelbare Austausch hat doch gerade seinen Charme in Zeiten, in denen die Menschen zunehmend virtuell kommunizieren. Man sollte natürlich darüber nachdenken, ob auch andere Formate die Vortragsreihe bereichern könnten und ob es noch bessere Möglichkeiten gibt, die Vorträge online anzubieten. Entscheidend ist für mich aber etwas anderes: Wie kann man die besten Wissenschaftler für diese Vorträge gewinnen, und wie kann man den direkten Austausch beflügeln? Wissenschaft, wie ich sie sehe und verstehe, ist auf Plattformen angewiesen, die eine offene und freie Kommunikation mit Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen – jenseits von irgendwelchen Ideologien oder rein wirtschaftlichen Interessen. Die Frankfurter Polytechniker leisten in dieser Hinsicht Pionierarbeit.
Und die ist es wert, unterstützt zu werden.

Das Interview führte Dr. Mike Schwarz.

Zur Vortragsreihe der Polytechnischen Gesellschaft.

Von den kleinsten Teilchen zum großen Ganzen: Professor Enrico Schleiff ist Vizepräsident der Goethe-Universität, Direktor des Buchmann Instituts, Professor für Molekulare Zellbiologie und überzeugter Polytechniker.


Ein eigener Klang

Jens Adrian Fischer zur Verleihung des "Kammermusikpreises der Polytechnischen Gesellschaft" an das Gutfreund Trio:

„Wir haben unser Klaviertrio im Sommer 2012 gegründet. Seitdem betreut uns Professor Angelika Merkle, die an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main unterrichtet. Unser Ensemble wurde  bereits mehrmals ausgezeichnet, wobei uns der letzte Preis besonders gefreut hat: Wir haben den 18. Kammermusikwettbewerb der Polytechnischen Gesellschaft gewonnen. Die Preisverleihung und die damit verbundenen Konzerte waren eine besondere Erfahrung für uns: Wir mussten vier Konzerte an vier aufeinanderfolgenden Tagen vor einem großen Publikum spielen und waren entsprechend gefordert. Die Frage dabei ist, wie man mit den Erwartungen der Zuhörer umgeht, seine Energie einteilt, sich immer wieder zu Höchstleistung motiviert und welche Konsequenzen das für uns selbst als Musiker und als Ensemble hat. Im Nachhinein würde ich sagen, dass wir diese Herausforderungen gemeistert haben und unser Publikum wirklich begeistert war.

Wie sieht unsere musikalische Zukunft aus? Natürlich kann man das nicht perfekt planen, sondern muss sich Schritt für Schritt weiterentwickeln. Das betrifft unsere Technik und unser Zusammenspiel genauso wie unser Repertoire. Als Klaviertrio befassen wir uns vor allem mit der romantischen Musikliteratur. Ein weiterer Schwerpunkt ist für uns die zeitgenössische Musik. Kammermusik erfordert immer hohe Hingabe, Leidenschaft und Risikobereitschaft – dazu sind wir bereit, und das praktizieren wir täglich.
Unser Ziel ist es, einen eigenen Klang zu entwickeln. Einen Klang, der für unser Trio typisch ist und eine angemessene und aktuelle Interpretation der Kompositionen ermöglicht, die wir zur Aufführung bringen. Die Liebe zur Musik ist unsere Motivation für den unsicheren Berufsweg des Musikers. Und vielleicht können wir ja mit unserem Engagement – über Kunst und klassische Musik hinaus – ein wenig dazu beitragen, die Welt schöner und lebenswerter zu machen."

Ein Meister des Takts: Das Gutfreund Trio mit Pianist Jens Adrian Fischer ist auf ständiger Suche nach dem eigenem Klang.


Über Frankfurt, zum Verständnis von Traditionen und zum Thema ehrenamtliches Engagement.

Mit viel Geld tut man am besten viel Gutes. Dies dachten sich jedenfalls die rund 320 Polytechniker nach dem Verkauf ihrer Anteile an der Frankfurter Sparkasse und gründeten im Jahr 2005 ihre „Stiftung Polytechnische Gesellschaft“. Neta Chervinsky erzählt über das Geben und Nehmen in Frankfurt.

Frau Chervinsky, Sie sind in Israel geboren, Ihre Familie hat in Russland gelebt, und Sie sind in Frankfurt aufgewachsen.
Ja, für mich passt das alles sehr gut zusammen. Frankfurt ist eine international geprägte Stadt – die internationalste Stadt in Deutschland. Daher glaube ich, dass ich hier sehr gut aufgehoben bin.

Frankfurt ist international, steht aber auch für eine ganz eigene Tradition. Spielt das für Sie irgendeine Rolle?
Für mich ist das sogar sehr wichtig. Frankfurt war und ist eine Bürgerstadt, eine Handels- und Finanzmetropole. Also keine klassische deutsche Residenzstadt, die durch den Adel geprägt wurde, wie etwa München oder Berlin. Da fällt mir gerade ein: Die deutschen Kaiser wurden ja in Frankfurt gekrönt. Trotz oder vielleicht auch wegen des besonderen Status unserer Stadt.

Ist dieser historische Kontext für Ihre Generation überhaupt noch von Interesse?
Für mich persönlich ist Tradition sehr wichtig. Das hängt auch mit meiner jüdischen Familie zusammen: Wir sind sehr traditionsbewusst und pflegen unseren Zusammenhalt. Leider scheinen vielen Leuten meiner Generation Traditionen nicht besonders wichtig zu sein. Geld und Konsum stehen im Vordergrund. Langfristig hoffe ich jedoch, dass auch die Jugend Traditionen wieder suchen und pflegen wird. Denn dies hat auch mit der Suche nach den eigenen Wurzeln zu tun. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Ohne Tradition keine Identität.

Zur Tradition von Frankfurt gehört auch seit rund 200 Jahren die Polytechnische Gesellschaft. Wie sind Sie damit in Kontakt gekommen?
Ursprünglich über eine Freundin, die sich bei der Stiftung Polytechnische Gesellschaft mit einem Projekt als StadtteilBotschafterin beworben hatte. Ich hatte sie dabei unterstützt und so die Stiftung näher kennengelernt. Das war alles sehr spannend, und ich habe mich deshalb ein Jahr später selbst als StadtteilBotschafterin beworben. Zum Glück hat man mich dann auch genommen.

Was ist aus Ihrer Sicht so interessant an der Stiftung?
Was für mich ganz wichtig ist: Die Themenfelder sind breit gefächert, und es werden Menschen aus allen Schichten der Stadtgesellschaft angesprochen. Und dabei bewegt sich die Stiftung aktiv auf die Menschen zu. Ein gutes Beispiel dafür sind die Diesterweg-Stipendien, die Kinder beim Erlernen der deutschen Sprache unterstützen. Sie befassen sich eben nicht nur mit der Sprachförderung von Kindern, sondern nehmen die gesamte Familie mit. Es geht also um Bildung und Verantwortung in einem umfassenden Sinne, und das trägt zum sozialen und kulturellen Zusammenhalt einer Stadtgesellschaft bei.

Was war Ihr Projekt als StadtteilBotschafterin?
Ich komme aus einer musikalischen Familie. Klassische Musik ist mein Element. Der Titel meines Projekts war: „Voices United! Kulturkonzert. Denn Musik verbindet!“ Meine Arbeitshypothese, mit der ich die Jury und später auch die Kinder von meinem Projekt überzeugen konnte, war sehr praxisbezogen und lautete: „Jeder kann singen.“ Unser Chor hat dann in Bornheim mit den Proben begonnen, und wir haben uns ein halbes Jahr mit einer musikalisch sehr anspruchsvollen Aufgabe befasst, den Zigeunerliedern von Johannes Brahms. Trotz aller Schwierigkeiten und Widerstände war unser Chor ein großer Erfolg, und wir sind schließlich mit den Brahmsliedern im Konzertsaal des Hessischen Rundfunks aufgetreten.

Werden Sie weiterhin für die Stiftung tätig sein?
Ich habe mich auch nach meiner Zeit als StadtteilBotschafterin immer wieder in der Stiftung engagiert. So etwa auf der Wegscheide mit einem Chorworkshop, beim Europaforum, im Rahmen eines Opernprojekts und auch als Jurymitglied für neue StadtteilBotschafter. Auch im laufenden Jahr bin ich wieder aktiv, da mir der Kontakt zur Stiftung und die Unterstützung meiner Stadt sehr wichtig sind. Ich kann zwar im Moment keine großen und zeitaufwändigen Projekte ehrenamtlich leiten, da ich noch studiere und außerdem beruflich stark eingespannt bin. Die Stiftung ist jedoch inzwischen ein Stück Familie für mich geworden, und im Rahmen meiner Möglichkeiten bin ich immer dabei.

Genau. Sie haben ja auch eine Neujahrsrede für die Stiftung gehalten ...
Oh ja, darauf werde ich immer wieder angesprochen. Was ich da gesagt habe, gilt für mich nach wie vor. Ich habe der Stiftung gewünscht, dass sie sich ihren jugendlichen Elan erhalten soll. Dass sie wach bleiben und weiter wachsen soll. Weil Frankfurt und Deutschland so ein Engagement einfach brauchen. Wichtig ist dabei aber auch, dass sie sich ihre Herzlichkeit und ihre familiäre Note bewahrt. Für mich ist es diese Mischung aus frischem Wind und einer warmen Atmosphäre, aus Innovation und Tradition, die unsere Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger über alle sozialen Schichten und Generationen hinweg wirklich weiterbringt.

Zur Stiftung Polytechnische Gesellschaft

Eine junge Tradition Unterwegs in ihrer Stadt: Neta Chervinsky liebt ihr Frankfurt.


Handwerkerin aus Leidenschaft

Sie ist gelernte Konditorin. Und Chefin einer Backmanufaktur
mit 20 Beschäftigten. Und frischgebackenes Mitglied der
Polytechnischen Gesellschaft. Wie wird man das? Nach sechs
Generationen von Handwerksmeistern in der Familie schien
Regina Graffs Weg vorgezeichnet. Doch so schlüssig, wie es
im ersten Moment aussieht, ist es nicht. Ihre Eltern hatten
1998 ihren traditionsreichen Bäckereibetrieb aufgegeben.
Zu dieser Zeit besuchte Regina Gr aff noch die Schule. Nach
dem Abitur entschloss sie sich bewusst gegen ein Studium
und für einen Handwerksberuf – Konditorin. Und da sie alles,
was sie macht, gründlich macht, war die Ausbildung mit
Auslandsaufenthalten verbunden: Luxemburg, Frankreich,
also Länder mit einer großen Confiserie-Tradition und Anspruch
auf erstklassige Produktqualität. Auch heute, mehr
als zehn Jahre nach Gründung ihres eigenen Betriebs, ist ihr
Anspruch auf Frische und Qualität allgegenwärtig. Als Handwerkerin
aus Leidenschaft lehnt sie Kompromisse vehement
ab: Keine Konservierungsstoffe, keine künstlichen Zusatzstoffe,
keine vorgefertigten industriellen Zutaten. Verkauft
werden die köstlichen Petit Gateaux und Pralinen in der Confiserie
Graff in Rödelheim.
Für die Polytechnische Gesellschaft war die Förderung des
Handwerks schon immer ein wichtiges Thema und blieb es,
auch bei fortschreitender Industrialisierung. Heute ist die
wirtschaftliche Bedeutung des Handwerks unstreitig. Das hat
mit der Entwicklung moderner Technologie zu tun – in Zeiten
von Industrie 4.0 ist eine auf individuelle Kundenbedürf -
nisse zugeschnittene Fertigung auf einmal wieder aktuell.
Eine weitere Dimension dieser Entwicklung betrifft die Produktqualität
und mit ihr letztlich unsere Lebensqualität. Das
Handwerk ist heute Vorreiter eines auf Qualität und Nachhaltigkeit
bedachten Lebens. Das Engagement von Regina Graff
ist dafür ein Beleg unter vielen.

Perfektion und Qualität sind Regina Graffs Leitlinien.


Ein neuer Anfang

Mit einer seltenen Augenkrankheit konfrontiert hat Angelica Battilocchi ihr Leben hinterfragt und einen Neuanfang gewagt. Unterstützt hat sie dabei die „Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte“.

„Ich wurde in Norditalien, in Parma geboren. Während meines Studiums kam ich über ein Erasmus-Stipendium nach Deutschland und entschloss mich nach dem Diplom, nach Deutschland zu ziehen. In dieser Zeit bemerkte ich zum ersten Mal, dass mein Sehvermögen nachließ. Ich hatte Probleme, im Dunkeln zu sehen, und auch bei grellem Sonnenlicht setzte mein Gesichtssinn aus. Also ging ich zum Augenarzt, wurde an die Uniklinik in Mainz überwiesen und dort  gründlich untersucht. Die Diagnose war niederschmetternd: Retinitis pigmentosa, eine genetisch bedingte Erkrankung der Netzhaut. In meiner Familie war diese Krankheit zuvor niemals aufgetreten. Gegen sie gibt es keine Therapie, und  zum Krankheitsverlauf gehört es, dass sie sich über die Jahre hinweg verschlechtert. Im Jahr 2012 kam eine weitere, seltene Augenerkrankung hinzu: ein sogenanntes Makula Foramen, ein Loch in der Makula, durch das
mein Sehvermögen weiter eingeschränkt wurde. Eine solche Erkrankung kann normalerweise behandelt werden – allerdings nicht, wenn die Netzhaut sich bereits in Auflösung befindet.

In den folgenden Jahren war ich dennoch durchgängig berufstätig: Für eine italienische Modekette, für eine italienische Bank, für eine große deutsche Bank und schließlich für eine Anwaltskanzlei. In dieser Zeit wurden meine Augen  immer schlechter, und eine meiner größten Leidenschaften, das Lesen, war plötzlich nicht mehr möglich. Ich war in Deutschland geblieben, hatte inzwischen geheiratet und stand irgendwann vor der Frage: Was mache ich? Meine  beruflichen Tätigkeiten aufgeben und mich meiner zunehmenden Sehbehinderung fügen? Eine wirklich deprimierende Perspektive! Oder dagegen ankämpfen und trotz des zunehmenden Handicaps die Herausforderung annehmen und als stark Sehbehinderte einen neuen Anfang wagen? Ich habe mich für den aktiven Weg entschieden, dabei viel Glück gehabt und umfassende Unterstützung erfahren.

Mein großes Glück im Unglück war, dass ich bei meinen Recherchen zu Hilfen für Sehbehinderte auf eine ganz besondere Einrichtung gestoßen bin: die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte. Dieses Tochterinstitut der Polytechnischen Gesellschaft fördert und unterstützt Blinde und Sehbehinderte mit einem ganzheitlichen Ansatz: Mit verschiedenen Ausbildungs- und Schulungsprogrammen sowie Musik- und Kunstangeboten hilft sie gezielt und individuell. Wie gut dasfunktioniert, konnte ich selber erleben. Zunächst haben mich blinde Lehrer im Lesen und Schreiben der Blindenschrift unterrichtet. Und zwar in der Vollschrift wie in der Kurzschrift. Letztere hat den Vorteil, dass man sehr viel schneller lesen kann und mehr Auswahl an Lesematerial verfügbar ist. Wichtig für mich war auch das Training am Computer. Die moderne IT bietet Sehbehinderten heute neue, attraktive Möglichkeiten der Information und Kommunikation, von denen man noch vor 10 Jahren nicht zu träumen wagte. Eine weitere wichtige Komponente im Angebot der Stiftung ist das Mobilitätstraining. Praktisch geht es darum, sich als Blinde selbständig in der Öffentlichkeit bewegen zu können. Das wichtigste Werkzeug hierfür ist der Langstock. Anfangs hatte ich Hemmungen, mich auf den Stock einzulassen. Ich hatte aber auch die Erfahrung gemacht, dass es ohne den Stock nicht geht.
In letzter Zeit konnte ich mich in der Stadt nicht mehr richtig bewegen, stolperte und konnte beispielsweise Treppenstufen nicht mehr erkennen. Mein Mobilitätslehrer in der Stiftung hat mir meine anfänglichen Bedenken schnell genommen und mich so trainiert, dass ich mich heute auf Straßen und Plätzen selbstsicher bewegen kann. Die Aktivitäten der Stiftung beschränken sich jedoch nicht nur auf diese für mich so wichtigen Fertigkeiten. Entscheidend ist auch, dass hier eine einmalige Aus- und Weiterbildung in Medienberufen angeboten wird. Seit 2015 werde ich zur PR-Junior-Beraterin ausgebildet – in einem dualen Ansatz, der praktische Arbeit bei meinem neuen Arbeitgeber und  Hilfestellungen aller Art durch die Stiftung kombiniert. In dieser Lebenssituation war für mich die Stiftung ein echter Glücksgriff. Sie hat mir eine neue Perspektive eröffnet und einen herausfordernden wie zukunftsweisenden beruflichen Weg eröffnet.“

Angelica Battilocchi im Garten der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte, wo sie viel Unterstützung erfahren hat.