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Frankfurter Allgemeine Zeitung |
FRANKFURT |
Mittwoch, 29.10.2008, Nr. 253 / Seite 43 |
"In Tibet ist das Wort für blind zugleich ein Schimpfwort"
Sabriye Tenberken, Gründerin von "Braille ohne Grenzen", berichtet über ihre Arbeit in der Entwicklungshilfe
"Plötzlich sprach man mich mit einer Kinderstimme an oder gab mir die größten Kuchenstücke. Und das alles, da ich allmählich erblindete. Aber nur weil ich immer weniger sah, bekam ich doch nicht mehr Hunger." Sabriye Tenberken war zehn Jahre alt, als sie diese Erfahrung machte. Nachdem ihr Selbstbewusstsein in den Keller gesunken war, kam Wut in ihr auf, wie Tenberken sagt. Wut, die sie als konstruktive Energie beschreibt und die sie in die Lage versetzt habe, ihre Träume zu verwirklichen: Zum Beispiel durch Tibet reiten. Dort hat sie später "Braille ohne Grenzen" gegründet. Das erste Projekt der Internationalen Organisation für Blinde in Entwicklungsländern war eine Schule für Blinde und Sehbehinderte in der Hauptstadt Lhasa.
Am Montagabend war die junge Frau aus Bonn Gast der Frankfurter Sparkasse. Die Veranstaltung war Teil der Vortragsreihe der Polytechnischen Gesellschaft. Mit lauter, klarer Stimme und rhetorisch geschult erzählt sie ihre Geschichte. Nachdem sie mit zwölf Jahren erblindet war, besuchte die heute 38 Jahre alte Frau die Deutsche Blindenstudienanstalt in Marburg. Ein wichtiger Schritt für sie, denn dort habe sie gelernt, dass sie sich nur selbst helfen könne. Diesen Rat setzte Tenberken in die Tat um: In Bonn studierte sie Tibetologie, und da es noch keine tibetische Blindenschrift gab, entwickelte sie diese spezielle Brailleschrift.
1998 ging sie nach Lhasa, um ihre Blindenschrift bekannt zu machen. An ihrer Seite war der Holländer Paul Kronenberg, den sie bei einer Backpacker-Tour durch Tibet kennengelernt hatte. Gemeinsam erfuhren sie, unter welchen Umständen Blinde in Tibet leben. "Es gibt Vierjährige, die nicht laufen können, weil sie blind sind. Ihre Eltern sperren sie weg", berichtet Tenberken. Das tibetische Wort für "blind" sei ein Schimpfwort. Durch die Arbeit in der Blindenschule könnten sie viele Eltern davon überzeugen, dass ihre Kinder doch etwas wert seien, sagt Tenberken. Zahlreiche ehemalige Schüler verdienten heute das Brot für ihre Eltern und Geschwister. "Die Kinder sind oft die Einzigen in der Familie, die lesen und schreiben können, und die Einzigen im Dorf, die mit Englisch, Tibetisch und Chinesisch drei Sprachen sprechen."
Dann erzählt die Frau von dem Projekt im Jahr 2004, das in dem Film "Blindsight" dokumentiert wird. Gemeinsam mit dem blinden Bergsteiger Erik Weihenmayer und einigen Schülern waren sie auf einen mehr als 7000 Meter hohen Berg im Himalaya gestiegen. Dabei sei es nicht wichtig gewesen, den Gipfel zu erreichen. "Den haben diese Kinder bereits erreicht", sagt Tenberken.
Mittlerweile hat sie die Einrichtung in Tibet an ehemalige Schüler übergeben. Sie selbst baut derzeit in Indien das Internationale Institut für Sozialunternehmer auf. Dort sollen Blinde ausgebildet werden, die bereit sind, sich weltweit sozial zu engagieren.
Mit ihren Aktivitäten will Tenberken erreichen, dass Blinde ernst genommen werden und zu sich selbst stehen. Am Montagabend berichtet sie von einem zehn Jahre alten Jungen, der einmal gesagt habe: "Eigentlich will ich Taxifahrer werden, aber das geht nicht. Doch ich kann ein Taxiunternehmen aufmachen. Na, was ist besser?"
nabe.
Informationen auf www.blinden-zentrum-tibet.de.
[Bildtext:]
Sabriye Tenberken ist blind. Das hat sie nicht davon abgehalten, Entwicklungshelferin zu werden.
Foto Florian Sonntag
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