Frankfurter Allgemeine Zeitung Frankfurt Mittwoch, 25.02.2009, Nr. 47 / Seite 38

Aus den Vortragssälen

Elmar Tenorth: "Aufstieg durch Bildung - Möglichkeiten und Illusionen eines alten Programms"

Elmar Tenorth schont seine Zuhörer nicht. Der Berliner Erziehungshistoriker verschafft den Gästen im Vortragssaal der Frankfurter Sparkasse einen nicht alltäglichen Blick auf unser Bildungssystem als solches - und seine Auswüchse. Ein Mitglied der Polytechnischen Gesellschaft, die die Vortragsreihe veranstaltet, spricht später von einem "rabenschwarzen Vortrag". Tenorth ist angekündigt als Wissenschaftler, der auch vor provokativen Thesen nicht zurückschreckt - und er hält Wort. "Aufstieg durch Bildung - Möglichkeiten und Illusionen eines alten Programms" lautet sein Thema. Und von Beginn an macht er sich an die Entzauberung des Leitsatzes "Aufstieg durch Bildung", den die SPD 1963 schuf.

"Wenn Sie heute als Tochter eines hohen Beamten geboren werden, können Sie dem Abitur nur durch Tod entgehen", sagt Tenorth. Soll heißen: Die Klassenstruktur der Gesellschaft verschwindet nicht, nur weil einige Menschen durch Bildung aufsteigen. Denn eine Bildungskarriere hänge nicht nur von den eigenen intellektuellen Fähigkeiten ab, sondern auch davon, ob die Eltern ihre Kinder unterstützten und förderten.

Die Formel "Aufstieg durch Bildung" gebe es schon seit Ende des 19. Jahrhunderts, so Tenorth. "Freie Bahn den Tüchtigen" habe es damals geheißen. Aber seither sei die Quote von etwa 17 Prozent "Ungelernten" in der Gesellschaft gleich geblieben. Heute seien dies jene als Risikogruppen eingestuften Jugendlichen auf "Pisa-I-Niveau", die die Schule verlassen, ohne richtig lesen zu können oder in Mathematik über mittleres Grundschulniveau hinauszukommen. "Das ist zum Weinen", findet Tenorth, der derzeit an der Berliner Humboldt-Universität den Lehrstuhl für Historische Erziehungswissenschaften innehat und vorher als Professor für Wissenschaftstheorie und Methodologie der Erziehungswissenschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt tätig war. "Ich weiß nicht, was die fünf Jahre lang an der Schule gemacht haben. Wofür kriegen die denn ein Zeugnis?"

Bildung habe für ihn zunächst einmal nichts mit Goethe oder Schiller zu tun, fuhr der Professor fort, sondern vielmehr mit der Fähigkeit, sein Leben selbstverantwortlich gestalten zu können. Bei den erwähnten Risikogruppen bestehe die Gefahr, dass schon elementare Dinge wie berechenbares soziales Verhalten - etwa eine Konfliktlösung ohne Gewalt - nicht mehr vorhanden seien. In Hessen besuchen nach Tenorths Worten 15 Prozent aller Schüler die Hauptschule, 62 Prozent davon verließen die Schule auf "Pisa-I-Niveau".

Scharf kritisierte Tenorth, dass das Abitur in Deutschland eine klare Trennlinie zwischen Karrieren mit "weißem Kragen und Blaumann" sei. Seine These lautet: Man kann zwar pädagogische Gleichheit erzeugen durch die massenweise Vergabe von Zertifikaten. Damit stelle man aber trotzdem keine gesellschaftliche Gleichheit her, sondern nur die alte Ungleichheitsstruktur auf höherem Niveau. Das wiederum führe dazu, dass Zertifikate und zusätzliche Abschlüsse - "der Zynismus der Weiterbildung" - weder einen sicheren Schutz vor Arbeitslosigkeit noch einen monetären Anreiz bieten könnten.

west.

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