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Frankfurter Allgemeine Zeitung |
Frankfurt |
Donnerstag, 12.03.2009, Nr. 60 / Seite 44 |
Alles wieder aufgebaut
Ein Vortrag über die Geschichte der Rekonstruktionen
Der Campanile von San Marco in Venedig scheint schon seit Jahrhunderten die Tauben auf dem Markusplatz zu bewachen. Doch der stolze Riese ist eine Rekonstruktion des Originalbauwerks, das 1902 in sich zusammengebrochen war. Und die Hohkönigsburg im Elsass thront so majestätisch auf einem Bergkamm, als tue sie dies seit dem Mittelalter. Doch Wilhelm II. ließ sie 1908 als Herrschaftssymbol nachbauen. Wer dem mit vielen Beispielen gespickten Vortrag von Winfried Nerdinger im Saal der Frankfurter Sparkasse lauschte, begann an seiner Wahrnehmung zu zweifeln. Was nach Barock oder Gotik aussieht und den Geist von Jahrhunderten zu verströmen scheint, ist manchmal kaum 100 Jahre alt - das wurde auf der Veranstaltung der Polytechnischen Gesellschaft und des Kuratoriums Kulturelles Frankfurt deutlich.
Nerdinger, der das Architekturmuseum der TU München leitet und als einer der renommiertesten Architekturhistoriker gilt, warf einen Blick auf die Geschichte, um, wie er sagte, die Rekonstruktionsdebatte zu "entemotionalisieren". Besonders moderne Architekten sprächen oft von einem "Bankrott der Baukunst", von Geschichtsbetrug oder Attrappen. "Die Aggressivität erklärt sich dadurch, dass Rekonstruktion als Negation des Selbstverständnisses begriffen wird", sagte Nerdinger, der dafür warb, sich nicht sofort "in einen Graben zu begeben". Der Wissenschaftler, der nicht zu den Verächtern moderner Architektur zählt, bezeichnete die Rekonstruktion als "Ausdruck unserer Zeit". Mit Blick auf den Dresdner Neumarkt sagte er: "Rekonstruktion kann eine tragbare Lösung sein."
Nerdinger führte aus, dass die Authentizität von Bauwerken zwar "quasireligiös beschworen" werde, doch an der Definition des Begriffs seien die Denkmalpfleger gescheitert. Es werde ein Kult um das Authentische getrieben: "Das Wahre und das Faktische werden eins." Deshalb würden rekonstruierte Bauten immer wieder als "seelenlos" kritisiert. Doch Rekonstruktion könne auch als Aneignung von Tradition oder als Weitergabe einer "ursprünglichen Idee" verstanden werden.
Laut Nerdinger liegen Rekonstruktionen unterschiedliche Motive zugrunde. Seiner Ansicht nach lassen sich die erinnernde, die idealisierende und die ästhetische Funktion legitimieren, die ökonomische hingegen sei fragwürdig. Sakrale Bauten etwa forderten als Träger kulturellen Gedächtnisses seit der Antike die Rekonstruktion ein. Besonders nach kriegerischen Zerstörungen trage das zur Bewahrung der nationalen Erinnerung bei. Der Wiederaufbau könne auch die Identität erkennbar machen: "Der Wunsch der Bürger, der Stadt eine historische Dimension zu bewahren, ist legitim."
Vornehmlich solche Formen der Rekonstruktion, bei denen ökonomische oder touristische Interessen im Vordergrund stehen, sind Nerdinger aber zuwider. Die Blockhütte, in der Henry David Thoreau seinen berühmten Versuch über das Leben in den Wäldern unternahm, wurde bereits fünfmal wieder aufgebaut und zuletzt etwas vom Originalschauplatz weggerückt. Der neue Standort liegt näher am Parkplatz.
rsch.
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